Herzog Barnim IX. (gest. 1573).
Nach einem Bildnis im sogen. Visierungsbuch Philipps II.,
jetzt im Pommerschen Landesmuseum.

Von der Reformation bis zum 30jährigen Krieg.

Die gemeinsam regierenden Söhne Bogislaws X., Herzog Georg I. und Herzog Barnim IX., waren nicht imstande, die in den letzten Regierungsjahren ihres Vaters entstandenen Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen, um so weniger, als sie zwei entgegengesetzte Naturen waren, die sich wenig freundlich gegenüberstanden. So wurde die Lage, als Luthers Lehre im Lande Ein­gang fand, immer verwickelter und unhaltbarer. Zu den Mißständen in Regierung und Verwaltung kam der Streit um die neue Lehre, die durch herumziehende Prädikanten und Mönche, die jetzt zahlreich die Klöster verließen, an vielen Orten, wie in Stolp, Treptow a. R., Pyritz, Stettin und Stralsund, verbreitet worden war. Es kam zu Tumulten und Aufständen gegen Geistliche, Mönche und Stadtverwaltungen, vor allem in Stralsund, Greifswald und Stettin. Mit der Zeit geriet das gesamte Kirchenwesen in Unordnung; die geistliche Verwaltung löste sich fast auf, die kirchlichen Vermögen, an denen sich jedermann zu bereichern suchte, schwanden dahin, die Klöster leerten sich. Zahllose Pfarrstellen in Stadt und Land blieben unbesetzt oder fielen unberufenen Kräften zu.

Die beiden Landesfürsten kümmerten sich zunächst wenig um die Klärung der religiösen Fragen. Im Mittelpunkt ihrer Politik stand immer noch der alte Streit mit den Brandenburgern. Nach langen Verhandlungen erreichten sie schließlich im Vertrage von Grimnitz (1529), daß die Hohenzollern auf die pommersche Lehnshoheit endgültig verzichteten und sich mit der Erbnachfolge bei etwaigem Aussterben des Greifengeschlechts begnügten. Mit Stolz und Genugtuung empfingen Georg und Barnim 1530 zu Augsburg die kaiserliche Belehnung. Doch entstand über die beabsichtigte Teilung der Herrschaft neuer Zwist unter den Brüdern, die sich auch in religiösen Fragen nicht einig waren. Da starb plötzlich im Jahre 1531 Herzog Georg. Mit dessen jungem Sohne Philipp einigte sich Herzog Barnim schnell, und schon 1532 kam die Teilung zunächst vorläufig zustande. Barnim erhielt das Herzogtum Stettin, sein Neffe Philipp das Land Wolgast, wobei Swine und Randow die Grenze bildeten.

Da beide Fürsten der Reformation zugeneigt waren, fanden sie sich nun auch zu einem entscheidenden Schritt in der Kirchenfrage zusammen. Sie beriefen zum Dezember 1534 einen Landtag nach Treptow a. R., der eine Klärung der verwirrten kirchlichen Lage herbeiführen sollte, und luden dazu auch den Wittenberger Stadtpfarrer D. Johannes Bugenhagen, der 1485 in Wollin geboren war und in Treptow a. R. und Belbuck für die Lehre Luthers gewirkt hatte. Das Ergebnis des Landtags war die von Bugenhagen verfaßte, vom Bischof Erasmus von Kammin und einem Teil des Adels bekämpfte „Kereken-Ordeninge des gantzen Pomerlandes“, die als Landtagsabschied von den Herzögen verkündet wurde und 1535 im Druck erschien. Auf Grund dieser Ordnung wurde dann in den folgenden Jahrzehnten mit vieler Mühe das kirchliche Leben des Landes neu geordnet. Regelmäßige Visitationen der Kirchengemeinden wurden durch herzogliche Kommissare abgehalten, die Verwaltung der kirchlichen Vermögen geregelt, Pfarrer bestellt, Schulen begründet, die Universität Greifswald neu eingerichtet, die Armenpflege geordnet. Die Stadtklöster gingen zumeist in die Verwaltung der Städte über, während die großen Feldklöster fast alle in den Besitz der Landesherren kamen, die sie zu herzoglichen Domänen („Ämter“) machten. Bei dieser Gelegenheit mußte auch der Bauer wieder seinen Tribut zahlen, denn zahlreiche Bauernhöfe wurden eingezogen und als Vorwerke zu den Domänen geschlagen. Ein langwieriger Streit um den alten Klosterbesitz erhob sich noch mit dem Adel, dem schließlich einige Nonnenklöster als Versorgungsanstalten für weibliche Familienangehörige zugestanden wurden. Für das Bistum Kammin wurde nach dem Tode des Bischofs Erasmus (1544), der sich den kirchlichen Neuerungen heftig widersetzt und für sich selbst eine reichsfürstliche Stellung angestrebt hatte, ein evangelischer Bischof bestellt. Das zugehörige Kamminer Stift diente bald der Versorgung jüngerer herzoglicher Prinzen.

Philipp I.,
Ölgemälde von L. Cranach d. A. (1541)
im Pommerschen Landesmuseum.

Außenpolitisch spielte Pommern in den Jahren der Reformation keine rühmliche Rolle. Die Herzöge schlossen sich 1536 dem Schmalkaldischen Bunde der Evangelischen an, erfüllten aber ihre Bundespflichten nur sehr säumig. Während sie auf der einen Seite von ihren Bundesgenossen Hilfe gegen den Dänenkönig erwarteten, der die geistlichen Güter auf Rügen beanspruchte, verhielten sie sich andererseits bei allen übrigen gemeinsamen Unternehmungen zurückhaltend und galten daher als unzuverlässig. Dieses Verhalten brachte ihnen natürlich keine Früchte. Sie nahmen zwar am Schmalkaldischen Kriege nicht teil, wurden dann aber doch als Mitglieder des Bundes von Kaiser Karl V. zur Zahlung einer recht beträchtlichen Geldsumme verurteilt. Die Beibehaltung der evangelischen Religion in Pommern wurde ihnen immerhin zugestanden.

Es folgte nach den stürmischen Jahren der Reformation für das Land eine längere Zeit der Ruhe und des friedlichen Dahinlebens, die vielfach als die glücklichste Zeit in der älteren Geschichte Pommerns gilt. Dieses Glück, das durch die üppigen Hofhaltungen einzelner Landesfürsten noch besonderen Glanz erhielt, war aber nur sehr äußerlicher Art. In Wirklichkeit war Pommern ein Land von geringer Bedeutung geworden, das am Rande des großen Geschehens still dahin lebte und im Dasein der Völker keine Rolle spielte. Brave, aber unbedeutende Fürsten ließen es sich wohl sein, sie häuften Schulden auf Schulden, zankten sich mit den Ständen, die langsam an Einfluß gewannen, und zersplitterten ihre Macht durch fortgesetzte Teilungen des Landes. Bei außenpolitischen Verwicklungen, die mit Schweden, Brandenburg und Polen entstanden, zeigte sich die Regierung schwach und unentschlossen und mußte manche Niederlage erleiden.

Mitglieder des pommerschen Fürstenhauses im 16. Jahrundert.
Ausschnitt aus dem im Besitz der Universität Greifswald befindlichen Croy-Teppich, der 1554 in Stettin gewirkt wurde. Dargestellt sind die Herzöge Georg I., Barnim IX. und Philipp I. mit ihren Frauen und Kindern; im Hintergrunde Bugenhagen..

Das kirchliche Leben nahm infolge sorgfältiger Visitationen eine gewisse Stetigkeit an. Die pommersche Kirche hielt im wesentlichen am strengen Luthertum fest, das sich gegen die reformierte Lehre siegreich behauptete. Der Katholizismus verschwand fast ganz. Ein regeres geistiges Leben entstand in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts, z.B. in Stettin am Hofe Herzog Philipps II., wo Wissenschaften und Künste nach der Sitte der Zeit mit Eifer gepflegt wurden.

Wirtschaftlich war das Land im Niedergang begriffen. Der alte hansische Unternehmungsgeist der Bürger war verschwunden, an seiner Stelle regierte eine enge Kirchturmspolitik die Gemeinden, die in langwierigen Zunftstreitigkeiten oft ihre geringen Kräfte verzehrten. Die Gewerke, die früher einen goldenen Boden gehabt hatten, fristeten ihr Dasein in kümmerlicher Weise, wenn auch hier und da noch einzelne Handwerksmeister tüchtige Arbeit leisteten. Die Lage der Bauern verschlechterte sich zusehends. Die Grundherren, die sich jetzt mehr und mehr selbst der Landwirtschaft widmeten und sich stattliche Wohnsitze und feste Burgen auf dem Lande erbauten, spannten die Bauern in ihren Dienst oder enteigneten sie gar. Verhängnisvoll wurde die Bauernordnung von 1616, die den Landleuten zwar nicht alle Rechte nahm, sie aber im Grunde doch untertänig machte und mit ungemessenen Diensten belud. Unter diesen Umständen konnte natürlich die gesamte Landwirtschaft, die nach wie vor in der Form des Dreifelderbaues betrieben wurde, keine gedeihliche Entwicklung nehmen. Einen besonders harten Schlag hatten Stadt und Land im Jahre 1572 durch den Bankrott des großen Stettiner Handelshauses der Loitz erfahren, durch den gerade auch der ländliche Grundbesitz für lange Zeit schweren Schaden litt.

Die Rempter im Schloß zu Stettin.
Reich geschnitzte Holzdecke aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts..

So war es schlecht mit Pommern bestellt, als in Europa der große Krieg entbrannte. Düstere Ahnungen bewegten manches Gemüt, Aberglaube und Hexenfurcht waren weit verbreitet. Das Herzogshaus, einst ein blühendes und weitverzweigtes Geschlecht, war durch zahlreiche Todesfälle schwer heimgesucht worden und 1625 schließlich nur noch durch einen einzigen männlichen Nachkommen vertreten, den Herzog Bogislaw XIV., der damals das ganze Land mit dem Stifte Kammin wieder in seiner Hand vereinigte. Aber der Herzog war ein schwacher Fürst, der weder die Verwaltung seines geeinten Landes neu zu gestalten noch die veraltete Wehrverfassung der Zeit entsprechend zu ändern vermochte und ängstlich an seiner Neutralität festhielt. Als Wallenstein im Jahre 1627 für zehn Regimenter Quartiere in Pommern verlangte, mußte Bogislaw die Kapitulation von Franzburg abschließen und die Einquartierung der Truppen gestatten. Rücksichtslos hausten in den nächsten Jahren die kaiserlichen Soldaten im Lande und verbreiteten allerorten Not und Elend.

Nur die Stadt Stralsund unternahm es, sich aus dieser selbstverschuldeten pommerschen Schicksalsgemeinschaft zu lösen. Sie lehnte die Aufnahme einer Einquartierung ab, obwohl auch hier die Bürgerschaft, durch Beschießungen eingeschüchtert, zeitweise schwankend wurde. Als dann von See aus dänische Hilfstruppen in die eingeschlossene Stadt kamen, verstärkte sich ihr Widerstand, der in dem bald darauf abgeschlossenen Bündnis mit dem König Gustav Adolf von Schweden einen festen Rückhalt bekam. Wallenstein mußte im Juli 1629 nach heftiger Beschießung Stralsunds den Rückzug antreten.

Gustav Adolf von Schweden und Herzog Bogislaw XIV.
Nach einem Gemälde des 17. Jahrhunderts im Pommerschen Landesmuseum.

Im Juni des folgenden Jahres landete der Schwedenkönig selbst mit einem Heere auf der Insel Usedom, um in die Geschicke Deutschlands einzugreifen. Schnell fielen ihm Vor- und Mittelpommern als leichte Beute zu. Drohend erschien er mit starker Macht vor Stettin und zwang den Herzog Bogislaw zu einem Bündnis, durch das er der wirkliche Herr in Pommern wurde. Die Schweden machten das Land von kaiserlichen Truppen frei, doch verringerten sich die Lasten der Bewohner keineswegs, da die Befreier ebenfalls sehr starke Forderungen stellten. Nach dem Tode Gustav Adolfs wurde klar, daß die Schweden nur auf das Abscheiden des dahinsiechenden letzten Greifenfürsten warteten, um unter Mißachtung der brandenburgischen Nachfolgerechte das Land für sich in Besitz zu nehmen. Als das Ereignis am 10. März 1637 eintrat, unterdrückte die schwedische Militärdiktatur alle von den „fürstlich pommerischen hinterlassenen Räten“ und den Ständen vorgebrachten Wünsche einer Vereinigung mit Brandenburg und behielt das Land fest in ihrer Hand.