Die Franzosenzeit

Im preußischen Pommern war gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Wohlstand nicht unerheblich gewachsen. Die Bemühungen Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen hatten Früchte getragen, Handel und Gewerbe blühten, und man lebte vielerorts im verdienten Genuß selbsterworbener Güter, auch nicht ohne geistige Interessen, stand aber dem politischen Leben meist gleichgültig gegenüber. Dieser Entwicklung machte die Katastrophe von 1806 ein schnelles Ende. Nach den Niederlagen von Jena und Auerstädt zogen Scharen von Flüchtlingen durch das Land, unter ihnen auch die Königin Luise mit ihren Kindern. Als die Franzosen vor Stettin erschienen, herrschte dort größte Verwirrung: in schmählicher Weise übergab der Gouverneur, General v. Romberg, am 29. Oktober 1806 die Festung dem Feind.

Unterschrift und Siegel Joachim Nettelbecks (1738-1824).
Das Wappenbild erinnert an die Errettung des Kolberger Domes und der Stadt durch Nettelbeck 1777.

Bald war der größte Teil Pommerns in der Gewalt der Franzosen, die mit den Bewohnern nicht gerade sanft verfuhren. Heftige Kämpfe entwickelten sich 1807 um die kleine Festung Kolberg, wo zunächst Oberst v. Loucadou‘ dann Major v. Gneisenau die Verteidigung leitete. Unter Mithilfe tapferer Freischaren, wie der des Ferdinand v. Schill, und patriotischer Bürger, wie des braven Nettelbeck, gelang es wirklich, die Stadt zu halten. Aber auch nach dem Frieden von Tilsit fand die Bedrückung Pommerns kein Ende, denn Truppendurchmärsche, Einquartierungen und Fouragelieferungen hörten nicht auf. Stettin hatte sieben Jahre lang (bis 1813) eine französische Garnison zu ertragen. Nur ganz allmählich räumten die Franzosen das übrige Pommern, und es war für den preußischen Generalgouverneur, General v. Blücher, keine leichte Aufgabe, die Verwaltung zu führen, ohne mit den französischen Behörden, die sich noch an vielen Orten breitmachten, in Gegensatz zu geraten.

Ernst Moritz Arndt.
Nach dem Bildnis von Julius Rötnik
im Stettiner Stadtmuseum.

Die schwere Zeit weckte aber im Pommernvolke den vaterländischen Sinn, der sich in den kommenden Jahren der Befreiung bewähren sollte. SchilIs tapferer Untergang in Stralsund (1809) trug dazu bei, den Haß gegen die Bedrücker zu mehren. Erst jetzt, als durch die Stein-Hardenbergschen Reformen ein neues Preußen geschaffen wurde, als auch in Pommern ein Anfang gemacht wurde mit der Selbstverwaltung der Bürger, mit der Freiheit des Besitzes und der Aufhebung der Gutsuntertänigkeit, begannen die Pommern, sich wirklich als Preußen, d. h. als Bürger des neugestalteten preußischen Staates, zu fühlen. Als solche bewiesen sie sich, nachdem sie noch die Beschwerden der Truppendurchzüge der großen Armee Napoleons 1811 und 1812 standhaft ertragen hatten, im Kampf um die Freiheit im Jahre 1813. Stettin wurde erst im Dezember 1813 nach einer Einschließung durch preußische und russische Truppen von den Franzosen geräumt.

Auch im schwedischen Pommern hatte die Not der Zeit die Geister zum Erwachen gebracht. Hier hatte schon Ernst Moritz Arndt (geboren 1769 in Schoritz auf Rügen, gestorben 1860 in Bonn) in seinem "Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" die leidige Bauernfrage zur Sprache gebracht, und zwar mit solcher Wirkung, daß König Gustav IV. von Schweden im Jahre 1806 die Leibeigenschaft in seinen deutschen Staaten aufhob. Freilich versuchte er zur gleichen Zeit, die schwedische Staatsverfassung und das schwedische Recht hier einzuführen, konnte aber gegen den lebhaften pommerschen Widerstand damit nicht durchdringen. Sein ausgesprochener Haß gegen Napoleon brachte ihn in mancherlei Verwicklungen mit den Franzosen, was sein pommersches Land mit Besetzung und Drangsalierung durch französische Truppen büßen mußte.

Dafür wurde nun aber endlich auf dem Wiener Kongreß über das Schicksal Schwedisch-Vorpommerns entschieden, dessen Verbleiben im schwedischen Staatsverband immer mehr als eine politische und völkische Unmöglichkeit erkannt worden war. Schweden versuchte zwar, das Land als Tauschobjekt zu benutzen und es an Dänemark gegen Abtretung Norwegens zu verschachern. Aber der Vertrag vom 7. Juni 1815 setzte fest, daß, nachdem Dänemarks Ansprüche durch Abtretung des Herzogtums Lauenburg an der Elbe und eine Geldzahlung abgefunden worden waren, das bis dahin schwedische Vorpommern, das man oft "Neuvorpommern" nennt, für 31/2 Millionen Taler von Preußen übernommen werden sollte. So war endlich das ganze Pommernland wieder deutsches Land, als Glied des Staates, dem es seiner geographischen Lage nach wie nach geschichtlichem Recht schon lange hätte zugehören müssen.