Zur 600 Jahrfeier der Stadt Rügenwalde.

600 Jahre, welch' lange Zeit,
Und doch nur ein Bruchteil der Ewigkeit.
Manches versank wie Vineta im Meer,
Du Rügenwalde stehst fest noch und hehr.
Ob auch manch' Feuer an dir schon genagt,
Dich ganz zu vernichten hat's nicht gereicht,
Ob auch manch' Sturmwind um dich schon getobt,
Gott hat dich behütet, er sei gelobt. -
Wie freundlich liegst du im Grünen versteckt,
Aus dem sich hoch der Marienturm reckt.
Die Gertudenkirche doch mahnet und spricht:
"Vergesset auch heute die Toten  nicht,
Manch Schiffer ward am den Strand getrieben,
Fern von der Heimat und seinen Lieben.
Die Wellen wissen manches zu schwätzen
Von König Erich und seinen Schätzen,
Vom Bunde der Hansa und mancher Schlacht,
Die Rügenwalde berühmt einst gemacht.
Des Schlosses Mauern sieht man noch ragen,
Hört sie erzählen von ruhmreichen Tagen,
Von frohen Gelagen und Waffengeklirr,
Von lautem und lustigem Stimmengewirr.
Doch bald sank die Hansa, manch' blutiger Streit,
Bracht' oft über Pommern bitteres Leid.
Bis, dank des alten Fritzen Bemüh'n,
Auch unsere Stadt kam zu neuem Erblüh'n.
Nun blühe weiter, wachs' und gedeih',
Dazu dir Gott ferner Segen verleih',
Und Ihr Rügenwalder groß und auch klein,
Setzt für die Stadt Eure ganze Kraft ein.
Wert bist du's, du Perle am Ostseestrand,
Wirk' weiter für König und Vaterland. 

 


 

Festgruß.

Ein Jubiläum ohne Gleichen ein 600jähriges Jubiläum, wie es im Laufe der Jahrtausende nur selten gefeiert wird, darf unsere Stadt heute festlich begehen. Im Festschmuck prangen die Häuser, zum Festzuge rüsten sich die Bürger, und schon von ferne grüßen die vom Turme unserer St. Marienkirche wehenden Fahnen die herzupilgernden Festgäste. Schmetternde Posaunenklänge werden das Lob des Allerhöchsten über unsere Stadt dahinklingen lassen, und die fröhlichen Gesichter allüberall zeugen davon, was jung und alt heute bewegt.
Auf 600 Jahre in der Geschichte unserer Stadt dürfen wir heute schauen. Welche Wandlung der Zeiten! Welche ungeheuren Fortschritte des Menschengeistes in dieser gewichtigen Zeitspanne! Wenn die, die einst unsere Stadt gründeten, aus ihren Gräbern auferständen, sie würden die heutige Welt kaum noch für dieselbe halten, in der sie gelebt und gearbeitet, gelitten und gestritten haben. Schiffe ohne Segel durchschneiden die Wogen des Ozeans, Schienensträngen verbinden die Länder des Festlandes, auf den Flügeln des Dampfes hat die Menschheit reifen gelernt, ja der elektrische Funke bringt fast mit der Schnelligkeit des Gedankens Kunde von einem Ende der Welt zum anderen. Wie mit Riesenkraft hat sich die Menschheit in dieser Zeit die Erde unterworfen und die widerstrebenden Elementen bewältigt. Die größten Ströme hat sie überbrückt, ja mitten durch himmelhochragende Felsgebirge hindurch hat sich ihr Fuß einen Weg bebahnt. Und zu welchen Höhen hinauf und in welchen Tiefen hinab hat uns die Wissenschaft geführt, daß das Kind unserer Zeit wie bezaubert und geistestrunken vor ihren Ergebnissen steht! Ein Welträtsel nach dem andern ist gelöst worden. Die weitesten Fernen des Himmels erspäht das geschärfte Fernrohr, und in schier unergründliche Tiefen wirft das Senkblei die Menschenhand hinab.
Nur einer hat sich nicht verwandelt in den Jahrhunderten, das ist der Allmächtige im Himmel, von dem der Psalmsänger bezeugt : Du hast vorhin die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Wert. Wir werden vergehen, aber du bleibst. Sie werden alle verwelken, wie ein Gewand, sie werden verwandelt wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln wirst. Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende (Ps. 102, 26-28.) Und eines ist geblieben wie es war, Gottes Gnade und Barmherzigkeit, seine väterliche Liebe, von der auch wir noch heute singen dürfen, wie unsere Alten gesungen haben: "Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb' in Ewigkeit!" Wie herrlich hat sie sich bezeugt an unserer Stadt in den 600 Jahren ihres Bestehens! Wohl sind schwere Zeiten über sie gekommen. Furchtbare Brände haben wieder und wieder den größten Teil ihrer Häuser in Asche gelegt. Schreckliche Kriegswetter sind über sie dahingezogen und haben Blut und Tränen ohne Maß innerhalb ihrer Mauern vergießen lassen. Verheerende Seuchen haben ihre Bewohner dahingerafft.
Aber immer, wenn die Not am größten, ist auch Gottes Hilfe am nächsten gewesen.
Aus allen Bränden ist sie wie ein Phönix aus der Asche neu erstanden. Die Kriegswetter sind weiter gegangen, der Würgengel der Seuche ist aus ihren Grenzen gewichen.
Und heute ist ihr Wohlstand fest gegründet, Handel und Gewerbe blühen, und sie darf eines gesicherten Friedens sich freuen unter dem glorreichen Zepter eines Hohenzollernfürsten, eines deutschen Kaisers.
Möge Gottes Gnade ferner über dir walten, du liebe Stadt Rügenwalde! Mögest du grünen und blühen, wachsen und gedeihen bis in die fernsten Zeiten! Das walte Gott!

 


 

Die Gründung der Stadt.
Nach der Festschrift von Lehrer Rosenow.

Rügenwalde hat wie seine Nachbarstädte Stolp und Schlawe schon vor 1312 bestanden, aber nur als ein Ort ohne jegliche Bedeutung. Damals war Hinterpommern in 8 Kastellaneien geteilt, unter denen wir Stolp, Schlawe und Dirlow finden. Burg Dirlow lag nach allgemeiner Annahme auf dem heutigen Darlowberge, wofür auch die Namensverwandtschaft spricht. Die ganze Gegend zwischen Stadt und Münde war ein von vielen Wasserarmen durchzogener Sumpf ohne Aufschüttungen. Damals traten bei jedem heftigen Winde Überschwemmungen ein, die die Burgbewohner von der Außenwelt abschnitten und die Umwohner im Kriegsfalle den Feinden schutzlos preisgaben. Nach der Burg mußten auch die Abgaben an die herzoglichen Beamten geliefert werden und hier wurden die Mannschaften eingeübt.
Der Darlowberg lud geradezu zur Ansiedlung durch seine Lage ein durch seinen steilen Abfall zur Lütow, die damals als ein Mündungsarm der Wipper dicht an seinem Fuße vorbeifloß und durch die Nähe der Ostsee. Nur von seiner Ostseite war der Berg zugänglich,  also nach Norden und Westen steiler Abhang, auf den Rücken zur Stadt ein Zufuhrweg.  Da sie für alle Umwohner ein Schutz- und Zufluchtsort wurde, haben wir uns ihren Umfang nicht zu klein zu denken. Rings um die Anlage ein steil abfallender Wall, nach dem Lande zu vielleicht noch Vorwälle und andere Befestigungen. An wichtiger Stelle angelegt, nach allen Seiten geschützt, vielleicht bestand auch eine direkt Verbindung mit der Ostsee, nach Vitter See und Wippermündung war sie wenigstens vorhanden, war sie Mittelpunkt der umwohnenden Bevölkerung, Sitz der Landesherrschaft und Verwaltung und vielleicht auch Tempel und Kultusstätte. Da jede Form des Steinhaus den Wenden unbekannt war, bestanden die Wohnungen nur aus Holz. Im Schutz dieser Burg entstand dann die erste Ansiedlung von Rügenwalde, das Dorf Dirlow.

Um die Mitte des 13. Jahrhunderts bestanden langwierige Verwicklungen und Streitigkeiten zwischen Ost- und Westpommern, dem deutschen Orden, Polen und Brandenburg. Der damalige Herzog von Ostpommern, Mestwin II., sah sich dadurch veranlaßt, seine Länder als Lehen von den brandenburgischen Markgrafen zu nehmen. Seine Schwester war die Mutter des Fürsten Wizlaw II. von Rügen. Diesen finden wir 1270 in Pfandbesitz der Länder Schlawe und Rügenwalde. Wie dies gekommen, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Dieser Fürst erwähnt in einer Urkunde vom 5.2.1271 zuerst "civitas nostra Ruijenwolde". Danach könnte man das Jahr 1270 als Jahr seiner ersten Gründung festsetzen. In alten Urkunden findet man folgende Schreibweise: Ruijenwolde, Ruijenwalt, Ruwenwold, Rughenwolt, Rijenwold und Rugenwolde.

Die häufigen Überschwemmungen machten eine hohe Lage zur Pflicht. Die Nähe der Wipper und Burg Dirlow luden zu einer Gründung am Abhange des Kopfberges ein. Der Kopfberg, heute 17,69 Meter, war damals bedeutend höher. So wird sich dann die erste Ansiedlung schmal und langgestreckt vom Kopfberge zur Wipper  hingezogen haben. Die Befestigung war unvollständig und unzureichend. Graben, Wall und Plankenzaun, keine Mauer. In ihr finden wir nur wenige, dazu meistens wendische Ansiedler, vielleicht einige deutsche Handwerker. Acker und Wiesen gehören größtenteils der Herrschaft und waren zum Teil unbebaut. Daß die Ansiedlung ohne jede Bedeutung war, geht auch daraus hervor,  daß der Pfarrer zugleich auch der Zizower Kirche vorstand. Da war auch keine Aussicht auf bessere Zeiten vorhanden, den Witzlaw verkaufte das ganze Land Schlawe und Rügenwalde für 3600 Mark an die Markgrafen von Brandenburg, und der eigentliche Landesherr Mestwin war ein Feind alles deutschen Wesens. Mit Mestwins Tode 1295 brach eine noch traurigere Zeit herein. Mit ihm erlosch das ostpommersche Herzogsgeschlecht und der König von Polen ergriff Besitz von dem Lande, endigte aber schon 1296 durch Mord. Alle Nachbarfürsten versuchten darauf, Stücke vom Land abzureißen, und es kam sogar zwischen Gollen und Buckow zu einer Schlacht zwischen Polen und Pommern, infolge deren das ganze Gebiet bis Dirlow aufs ärgste verwüstet wurde. Diese Wirren benutzen die Swenzonen, ihre landesherrliche Stellung in Ostpommern zu befestigen. So fristete die Stadt ein kümmerliches Dasein und war gänzlich in Verfall geraten, als Peter, Johannes und Laurentius ihre Neugründung beschlossen.

Die Gründung vom 21.5.1312, ausgestellt von den drei Brüdern Swenz auf der Burg Schlawe, ist noch im Original im Rügenwalder Depot in Stettin erhalten. Danach gaben die genannten ihrer Stadt Rugenwald an 5 Besitzer: Rudolf von Colmaz, Johann Friedland, dessen Sohn Heinrich und Bruder Heinrich und dem Hermann Smorre zum neuen Aufbau und zur Befestigung. Grund und Boden sollte ihnen erb- und eigentümlich gehören. Dazu gaben sie ihnen 110 Hufen Acker, zwischen Wipper und Zizow und 30 links von der Wipper, dazu 50 Hufen Weide und das Recht, noch mehr Acker anzukaufen. In diesem Gebiet wie auch auf der Münde und am Strande sollte das Lübische Recht gelten und die Besetzer volle Gerichtsbarkeit und Freiheit von der Vogtei erhalten. Die Gerichtsgefälle sollten in Stadt und Münde zwischen den Besetzern und der Stadt geteilt werden. Besetzer und Bürger hatten freie Schifffahrt auf der Wipper und aus dem Hafen hinaus. Auch durften sie 6 abgabenfreie Fahrzeuge zur Heringsfischerei ausrüsten und Fischerei am Strande und auf der Wipper treiben. Die Lachse, die das Wehr überspringen, gehören den Besetzern, die auch das Recht haben, eine neue Mühle gegen eine geringe Abgabe einzurichten. Von den etwa zu erhebenden Steuern von den Handwerkern wie Fleischern, Bäckern, Schustern und Badern sollte die eine Hälfte den Besetzern, die andere der Stadt gehören. Hausstellen und Häuser konnten die Besetzter nach belieben austeilen. Ihre außerhalb des Stadtgebietes liegenden Besitzungen wie die der Edelleute in der Stadt sollten frei von Abgaben sein. Edelleute durften wegen Schulden nicht beim Stadtgericht verklagt werden, sondern nur wegen Vergehen. Zum Schluß wird den Besetzern eine 8 jährige Abgabenfreiheit zugesichert. Dies sind im wesentlichen die Bestimmungen der Gründungsurkunde, aus der hervorgeht, daß Rügenwalde bis dahin nicht städtisches Recht hatte, wir also seine Gründung als deutsche Stadt, wie auch die Inschrift am Rathause besagt, auf den 21. Mai 1312 festsetzen müssen.

Mit städtischen Vorrechten begabt (cum mero jure Lubecensi heißt es in der Urkunde - privilegiis adaucta in der Rathausinschrift) nahm die Stadt auch gleich einen erfreulichen Aufschwung. In den nächsten Jahren schon begaben sich die 5 Besetzer aller ihrer Rechte an der Stadt gegen ein gewisses von den Bürgern erhaltenes Loskaufsgeld und schon 1332 bezeugt Jesco Swenz, daß die Besetzer völlig abgefunden und alle ihnen verliehenen Rechte und Freiheiten der Stadt selbst zugefallen sind. Der wachsende Reichtum der Stadt zeigt sich in zahlreichen Grund- und Bodenerwerbungen. Es seien hie nur aufgeführt 1325 Sellen für 24 Mark jährliche Abgaben, 1321 Suckow und Zerawe (verschwunden) nebst der Heringsfischerei auf der Lychowe für einmalige 1000 Mk. Wendische Pfennige und Zizow 1378 für einmalige 1844 Benkenpfennige. Dazu erwirbt die Stadt dann sogar von Bogislaw VIII. das Privilegium der Münzgerechtigkeit d. h. ohne landesherrliche Abgaben Münzen schlagen zu lassen.

 


 

Fest-Programm.

20. Mai:
abends 8  ½ Uhr: Aufführung des historischen Festspiels "Hans Lange" von Bürgern und Bürgerinnen der Stadt.
21. Mai:
früh 6 Uhr: Großes Wecken durch die Stadtkapelle.
früh 6 ½ Uhr: Blasen eines Chorals vom Turm der St. Marienkirche.
früh 7 ½ - 8 ½ Uhr: Platzkonzert auf dem Markte.
vormittags 10 Uhr: Festgottesdienst in der St. Marienkirche.
vormittags 12 ¼ Uhr: Festsitzung der städtischen Körperschaften im Rathause.
mittags 1 Uhr: Umzug der Vereine und Innungen nebst Darstellung von historischen Bildern.
nachmittags 3 ½ Uhr: Festessen im Plath'schen Saal.
nachmittags 3 Uhr: Volksbelustigung auf dem Turmwall und dem Wipperwall.
nachmittags 3 - 6 Uhr: Freikonzert in Werner's Garten.
abends 7 ½ Uhr: In verschiedenen Lokalen Tanzlustbarkeiten.
22. Mai:
vormittags 10 Uhr: Schulfeier.
nachmittags 2 Uhr: Ausflug der Stadtschule nach dem Stadtwalde, Übergabe der neu gestifteten Fahne, Bewirtung der Kinder auf Kosten der Stadt.

 


 

Festzugs-Ordnung.

1.Teil

1. Herolde, Standarten u. Fanfarenbläser zu Pferde.
2. Ansiedler aus der Zeit der Wenden um das Jahr 1000 (auf einem Einspänner-Wagen Frau und Kinder, um diese herum Wenden, Wenndinnen, Haustiere).
Als die Germanen ihre Sitze in Pommern verlassen hatten, nahmen die Wenden diese ein. Sie hatten einen gedrungenen Körperbau, breite Nasen, starke Backenknochen, dunkles Haar, dunkle Augen. Bei Rügenwalde entstand die Kastellanei Dirlow und in deren Schutz die erste Niederlassung, wendische Holzhütten. Ursprünglich Jäger, trieben sie nachher auch Ackerbau und Viehzucht.
3. Schützengilde
4. Gründung der Stadt (21. Mai 1312) durch die Swenzonen. (Auf einem von 4 Pferden gezogenen Wagen ein Tor im Bau, daneben der Baumeister mit dem Stadtplan, die Gründer (darunter 1 Mönch) und Bauleute. Als Gefolge Bürger und Bürgerinnen.)
1312 war die erste Gründung von Rügenwalde durch Witzlaw von Rügen vollständig in Verfall geraten, sodaß sich die Senzonen, Herren des Landes Schlawe und Rügenwalde veranlaßt sahen, zu einer Neugründung zu schreiten, die sie mit städtischen Vorrechten und Lübischen Rechte bewidmen. Einer Gesellschaft von 5 Gründern aus Köslin übergeben sie die Anlage und das umliegende Gebiet zu einer Neugründung.
5. Kriegerverein.
6. Musik (Trompeterkorps des Stolper Husarenregiments).
7. Der erste Rat der Stadt und die hörigen der Kämmereidörfer. (Viehgespann mit 5 Ratsherren, Gefolge 20 berittene Landleute.)
Diese Gründung erweist sich als lebensfähig, erwirbt alle Vorrechte der Besitzer und durch Kauf einen stattlichen Landbesitz, die alten Kämmereidörfer Zizow, Suckow, Grupenhagen, Rußhagen und Sellen, deren Bewohner der Stadt zu allerlei Diensten verpflichtet sind. An die Spitze der Stadt tritt ein Rat, aus Bürgermeister und Ratmannen bestehend.
9. Rügenwalder Handelsschiff aus der Zeit der Hansa. (In einem Schiff mit Besatzung "Rugia" (Rügenwalde) mit Stadtwappen.)
Ihre höchste Blüte erreichte die Stadt durch die Hansezeit, nachdem sie 1362 unmittelbare Hansestadt geworden. Rügenwalder, Stolper und Schlawer gründeten ein gegenseitiges Schutz- und Trutzbündnis. Rügenwalder beteiligen sich als kühne Seefahrer an allen möglichen Unternehmungen.
10. Marine-Kriegerverein.
11. König Erich zu Pferde mit seinem Knappen,
Besonderen Ruhm erlangten Rügenwalder Bürger, als sie im Verein mit den getreuen Stolpern ihren alten Herzog, der zugleich König der drei nordischen Reiche war, aber vor seinen Untertanen hatte flüchten müssen, aus den Händen der Schloß Wisborg belagerten Dänen befreien und im Triumph mit seinen Schätzen nach Rügenwalde holen. Er richtet hier eine glänzende Hofhaltung ein und residiert bis zu seinem Tode 1459 hier.
12. Schuhmachergesellen-Brüderschaft in ihrer früheren Tracht: Perücke mit Stirnband, Bluse, Schurzfell und Abzeichen.
13. Schloß und Schloßgruppe. (Auf einem Wagen ein Modell des Schlosses. Dahinter zweispännig in einer Gruppe Herzogin Sophia mit 3 Edelfrauen, Bogislav, der Lanziger Bauer Hans Lange und der Hofnarr. Als Gefolge Ritter und Krieger.)
König Erichs Nachfolger war Herzog Erich II., dessen Gemahlin Sophie, mit ihrem Manne zerfallen, am dem Schlosse hier residierte. Herrschsucht war Ursache ihres lieblosen Verhaltens gegen ihren Sohn Bogislav X., nach dessen Herrscherwürde sie strebte. Durch einen getreuen Hofnarren entging er ihren Anschlägen, bis Hans Lange aus Lanzig sich seiner annahm, auch im dabei half, in den Besitz seiner Herrschaft zu kommen.
14. Krieger- und Militärverein.
15. Handelschiff 1850. Ein Modell des Schiffes "Sirius" der früheren Reederei Hemptenmacher-Rügenwalde. (Flottenverein Ortsgruppe Rügenwaldermünde.)
16. a) Seemannsverein, dem Modelle von einem Handelsschiff und einem Dampfer vorausgetragen werden.
b) Turn-, Jünglingsverein und 1. und 2. Bürger-Knabenklasse.
2. Teil:
17. Musik (Stadtkapelle).
18. Fleischerinnung zu Pferde begleitet den Wagen, in welchem die Fahne gefahren wird. Als Gefolge die Fleischergesellen-Brüderschaft.
19. Maurergesellen-Brüderschaft.
20. Freiwillige Feuerwehr.
21. Ackerbürgerverein mit 3 Wagen zur Darstellung der alten und neuen Zeit.
22. Böttcher-Innung.
23. 1. und 2. Volksschul-Mädchenklasse.
24. Stellmacherinnungen mit Darstellung einer Werkstatt.
25. Arbeiterverein.
26. Zimmergesellen-Brüderschaft.
27. Schmiedeinnung.
28. Handwerkergesellenverein
29. Radfahrerklub.
30. Musik (Schüttpelz).
31. Tischlerinnung mit Darstellung einer Werkstatt.
32. Schneiderinnung.
33. 1. und 2. Bürger-Mädchenklasse.
34. Schuh- und Pantoffelmacherinnung, eine Meisterprüfung vorführend.
35. Bäckerinnung.
36. 1. und 2. Volksschul-Knabenklasse.
37. Fischerei der Münde.
38. Die vor kurzem gegründete Sanitätskolonne vom Roten Kreuz.

Der Festzug umfaßt circa 1000 Personen mit 22 Fahnen, von denen einzelnen Vereine bzw. Innungen je 2 haben, außerdem fast jede Innung ihre Embleme.

 

An Rügenwalde.

Wie Well' auf Welle schäumend brauset
Und leis' zerinnt im stillen Meer,
So steigen aus der Zeiten Schoße
600 Jahre heut' und mehr.
Und wie im Wechselspiel des Lebens
Der eine kommt, der andere geht,
So mahnen uns die ernsten Bilder,
Daß, was geschehen, nie verweht.
Schon lange sang dir Schlummerlieder,
Du alte Stadt, das alte Meer;
Und immer tönen sie noch wieder
Bald mahnend leis', bald ernst und schwer.
Erinnern an vergangne Tage,
An Krieg und Frieden, Ernst und Spiel,
An dieses Erdenlebens Ziel. -
Im Flug der Zeiten schwebt vorüber
Die Gründung unsrer alten Stadt,
Da erst im kleinen angefangen,
Was heute sich bewähret hat. -
Von Wall und Mauern fest umschlossen
sehn wir die alte Hansastadt,
Und schmucke Schiffe kühn sich wagen
Weit übers Meer zu froher Fahrt.
Wir hören ihre Mauern reden
Von Krieg und Frieden, Sturm und Drang,
Wir hören sie so viel erzählen
Von Kampfgetös und Schlachtgesang.
Und auch die liebe alte Kirche
Erzählt von Tagen ernst und schwer;
Von Brand und Unglück, Pest und Seuche,
Wo arm die Stadt, der Beutel leer. -
Einst kamen wilde Wasserwogen
Vom Meer her bei schwerem Sturm
Und rissen mit sich in die Tiefe
Wie Mensch und Tier, so Haus und Turm.
Und König Erichs Zeiten ziehen
Vorüber uns in Lust und Pracht;
Waffengeklirr und Festgelage,
Und Glanz und Größe, Lust und Pracht.
Wie schaukeln die blauen Wogen
Des Königs Reichtum und sein Glück! -
Doch Kron' und Glück und Schätze sanken -
Von allem blieb ihm nichts zurück.
Das stolze Schloß am Wipperstrande,
Ein Herzogssitz, so fest und groß,
Grüßte Bogislav in seiner Jugend,
Sah ihn verfolgt und heimatlos.
Wie einst es seine Kinderspiele,
Der stolzen Mutter Hohn und Wut,
So sah es später seine Größe,
In Ehren ihn und Herzogshut. -
Dann eilten stets die Zeiten weiter -
Ein neuer Glaub' ins Land eindrang
Und Luthers Lieder hört man schallen,
Wo Mess' einst war und Mönchsgesang.
Des großen Königs treue Sorge
Schuf eine neue, bessere Zeit,
Und unsere alte Stadt erblühte
Nach Krieg und Not und langem Leid. -
Längst ruhen nun von Glück und Sorgen
Die einst so froh und frei geschafft,
Laßt uns nun gleiche Treue halten
In deutscher Tugend, deutscher Kraft.
Noch immer murmeln leis' die Wogen
von alter und von neuer Zeit,
Und ihre Melodien singen
Von Pommerns Treu' und Einigkeit.
Und ihre Klänge singen weiter
Der alten Stadt am Meeresstrand
Ein Segenslied für ferne Zeiten
Zum Heil des ganzen Vaterlands.
So mögen sie stets mahnend reden
Von Gottesfurcht und Recht und Pflicht.
Wohl läßt der Pommer gern sein Leben,
Doch seine Treue läßt er nicht.

 


 

Was das alte Schloß erzählen kann.

Eng verbunden mit der Geschichte unserer Stadt ist die Geschichte des alten Schlosses. Trotzig noch ragen seine Mauern empor; aber nur noch Reste geben uns heute Kunde von seiner glänzenden Vergangenheit. In der Festschrift zur 600 Jahrfeier gibt uns der Verfasser Herr Lehrer Rosenow ein anschauliches Bild von dem alten Schlosse, welches von König Erich und später von der Herzogin Elisabeth aufs prächtigste ausgebaut worden war. Heute erinnern freilich nur noch der Silberaltar in der St. Marienkirche und die Kanzel in der St. Gertrudkirche an die Pracht, mit welcher seine Bewohner sich umgaben.

Ein Kranz von Sagen umschlingt denn auch die altersgrauen Mauern, namentlich von den großen Schätzen des Königs Erich weiß die Chronik zu erzählen. So berichtet Andreas Schomacher in seiner Pommerschen Chronik: Den Schatz, so König Erich aus dem Reiche Dänemark gen Rügenwalde gebracht solle haben, darüber die Dänen noch klagen, doch ohne Fug, denn es ist alles sein eigen gewesen — nämlich ein Jesusbild, so groß als ein Knabe von 15 Jaren von lauteren arabischem Golde, item 12 Aposteln als Kinder groß von Silber, ein ganzes Einhorn, eine Monstranzie von ezlichem arabischem Golde, einen gulden Pfennig 100 000 wert, den er mit seinem Gemal Philippa, des Königs aus Portugal Tochter, zum Brautschatze gekrieget, eine guldene Gans vom Schloß zu Wardenburg, für einen Wetterhahn, dazu die Dänen vielleicht hätten Gerechtigkeit haben mögen, wiewol man saget, König Erich hätte die machen lassen und da selbst zur Wardenburg für einen Wetterhahn auf die Burg gesetzet und in seinem Abzuge wieder die Gans herabgenommen und sonst ehr königliche Kleider und silbern Geschirre mitgebracht. Von den hat er die gulden Monstranze in die Capelle aufs Schloß zu Rügenwalde gegeben, daß man das Sacrament darein gesetzt als auf einem Leuchter, welche beiderlei Ich Andreas Schomacher danach zu Wolgast, als ich daselbst Rentmeister war, gesehen und in den Händen gehabt habe. Wie es aber nun den anderen Schaz ist, weiß man nicht. Ezliche meinen auch, daß die Fürsten ihre Heimlichkeit nicht gern wissen lassen.

Auch auf das Leben und Treiben in der Stadt hatte die glänzende Hofhaltung des Königs Einfluß; denn obgleich fast 70jährig, kümmerte sich König Erich sehr eifrig um die Regierung seines Herzogtums. Er empfing zahlreiche Gesandtschaften und versammelte hier auch die Stände. Im Jahre 1459 ist König Erich hier ohne Erben verstorben. Über den Verbleib seiner sagenhaften Schätze verlautet nichts.

Auch der Glanz eines anderen Namens umleuchtet die altersgrauen Mauern des Schlosses:

Herzog Bogislaw X.

Über die bekannte Sage aus der Jugendzeit dieses größten der Pommernherzöge lassen wir obengenannten Chronisten erzählen:
Herzog Erich II. hatte sein Gemal wegen des langjährigen Krieges mit dem Markgrafen von Brandenburg um den Besitz von Stettin gegen Rügenwalde geschicket. So war die Fürstin daselbst ezliche Jahr, daß der Fürst nicht oft daheim kam. Darum entstund zwischen ihnen ein großer Verdacht und Unwille; darum sie lange Zeit zürneten. Die Mutter wurd den Söhnen also gehäß und gram und achtete ihrer nichts und ließ sie zu Rügenwalde neben anderen Schüzen in die gemeine Schule gehen und ihrer gar nichts warten. Wolten sie zum Schloß zum essen oder schlafen kommen, mochten sie es thun; thäten sie es auch nicht, danach fragte sie nichts. Ließ sie auch oft so zerrissen an Kleidern und Schuhen hereingehen, daß sich's ein armer Bürger hätte geschämet, wenn sein Kind wäre so gegangen; und ließ sich ganz so ansehen als hätte sie gerne gesehen, daß sie nur wären umkommen. Darum die guten Herrichen für der Mutter zach und scheu geworden und zu mehren Theil in der Stadt geblieben, da ihnen die Bürger nach ihrem Vermögen alle Ehr erzeiget und vielleichte auch wohl gern mehr gethan, wenn sie es hätten für der Mutter thun mögen. Und hieüber kamen die Herrichen so ins Bilde, und wie man gedenken kann, lerneten sie wenig fürstlicher Sitten und Geschicklichkeiten, liefen und ranten mit den anderen Schülern in alle Oerten und zerrauften und schlugen sich oft mit ihnen, wie dan die Kinder pflegen; und da war kein Unterschied des Herren und des Unterthanen. Aber dennoch war Herzog Bugsluf in solcher Verachtung etwas Herschers-Gemütes, wann (mehr als) Herzog Casimir, wolte sich von den anderen Schüzen nicht überpochen lassen; und wer ihnen viel anfangen wolte, bald lag er ihn im Angesichte oder in den Haaren, also daß er sich auch ezlichen Bürger, deren Kinder er schlug, häßig machte, daß er bei ihnen nicht mehr so angeneme war wie zuvor.

So wonete von Rügenwalde nicht weit im Dorfe Lanzke ein reicher Bauer, Haus Lange geheißen, derselbe kam oft in die Stadt und sahe die Herrichen so hereingingen und kriegte sonderliche Lust zum Herzog Bugsloffen als zum freudigsten, und sagte zuletzt zum ihme: Herzog Bugsloff, wie gehestu so herein, daß du nicht ein gut par Schuh oder ein Kleid hast? Wil dir die Mutter nichts geben?

Darauf antwortete Bugsloff, "was ihme daran läge? Hatte er nichts, er würde ihm nichts geben," und war ihm eben spöttisch dabei, daß der Bauer sich seiner viel bekümmerte.

Da sagte der Bauer: Bugsloff, mir liegt daran, du solltest billich mein Herr sein; und wenn du niemand sonst mehr hättest, so wolte ich dir noch wol des Jahres Kleidung genug geben. Laß dir's nicht spöttisch sein, daß ein Bauer mit dir redet. Vielleicht möchte ich dir sagen, was dein Schade nicht wäre. Da fragte Herzog Bugsloff was er denn sagen könnte. Antwort't er ihme: wenn er sein Bauer wäre und gäbe ihm alle Jahr seine Zinse daß er davon Kleider zeugete, ob ihm das nicht gefiele?

Da sagte Herzog Bugsloff: "Ja aber wie könnte es geschehen ?"

Da sagte der Bauer: "Du bist samt deinen Brüdern unsers Landes Fürst und ist wol Sünde und Schande, daß sich diejenigen, denen es mehr gebühret wann (denn) mir, euer nichts annehmen. Die Mutter verstößet euch, und die vom Adel und Burger keret sich niemandes daran. Darum erbamet mich euer und sonderlich deiner; denn ich sehe, du läßt dich nicht leichtlich verbeißen und hast noch etwas adeliches Gemütes in dich. Derhalben sehe ich gerne, daß du etwas besser in Kleidung gehalten würdest, und wil dir dennoch guten Rath geben, wie du dem thuest. Bitte deineMutter oder laß sie bitten, daß sie dir mich zu einem Bauer übergebe; so will ich dir Kleider und andere Notdurft schaffen."

Dasselbe gefiel Herzog Bugslaffen wol; aber er vertaute es bei der Mutter nicht zu erhalten. So sagte der Bauer, er solle nur den Hofmeister Hans Massauen freundlich darum bitten, er könne es ihme wohl erhalten. So bat H. Bugsloff den Hoffemeister, und die Mutter gab ihme denselben Bauern. Und von Stund an ging der Bauer zu dem Gewandschneider und nahm ihme kindisch Gewand aus zum Rocke und Hosen, und kaufte ihm Parcham zum Wambste, und gab ihm ein par neue Schuh: dabei deunn H. Bugslof wol war, und trat izund was stattlicher herein, denn zuvor, und mutirte mit dem neuen Kleide gleich als wäre es ein gulden Stück (ein goldgestickes seidnes Kleid) gewesen, und wolte nun den andern Schüzen nicht gleich sein, sondern begunte etwas mehr von sich zu halten, also daß der Bauer und alle Mann Lust daran hatten und die Mutter einen Eifer kriegt und H. Casimir auch neu kleiden ließ, doch sich gleichwol nicht mehr an sie kerete. Da hatte nun der Bauer ein Wolgefallen an H. Bugsloffe und hieß ihn seinen Herren, und kam oft in die Stadt und sahe wie es ihm ging und wie er sich hielte.
Und unterdeß kommt die Zeitung, daß Herzog Erich zu Wolgast gestorben wäre und bald darauf auch Wartislaff, sein Sohn. Do gedachte die Mutter, was sie an den Kindern gethan und besorget sie möchtens an ihr rechnen, und setzte ihr einen bösen Sinn für und wolte die beiden Söhne umbringen. Und hat auch Herzog Casimir, wie oben gesaget, vergeben, daß er bald danach gestorben ist. Herzog Bugslof aber hat sich etwas mehr gehütet,  daß er mit den Mutter nit viel zu thun hätte. Dennoch ließ sie ihn fordern, und war ihme izo freundlicher denn zuvor und ließ ihm ein Butterbrot geben, das er essen sollte. So war H. Bugslof dessen nicht gewonet und stellete  sich als wolte er essen. So ist ihme aber der Mutter Narre gefolget und hat gesagt: "Buglof friß nicht, es ist unrein."
Da das Bugslof gehöret, hat er das Butterbrot dem Hunde fürgeworfen. Der hats gefressen und ist des anderen Tages todt gewesen. Daraus hat H. Bugslof einen Argwohn genommen und ist eben der Bauer Hans Lange zu Rügenwalde gewesen. Der selbe hat ihm geraten nur bald zu fliehen und zu seinem Vettern Herzog Wartislaffen zu ziehen und Rath zu suchen. Und hat ihme also geben ein Schwert, Stiefeln, Sporn und ein Pferd und was dazu gehöret und ist mit ihm zu den nächstgesessenen Edelleuten geritten und hat die aufgefordert, daß sie mit ihme  reiten solten, die es denn gethan, und hat also auf den Wege immerzu denn Adel mit sich auf gesprochen, Geld geliehen und andere Kleider machen lassen und schier dreihundert Pferde mit sich gekriegt. Unnd ist hernach zu seinem Vettern Herzog Wartislaffen  geritten,der ihme geraten, er sollte der Mutter das Regiment nehmen und sie zum Rügenwalde warten lassen bis auf weiteren Rath. Darum ist er stracks nach Rügenwalde geritten ; und wie das die Mutter erfahren, hat sie alle Schätze und Kleinodia mit sich genommen und ist samt Hans Massauen, ihrem  Hoffemeister, und anderem ihrem Hofgesinde gegen Danzig ge flohen, da dem H. Bugslof ihr nicht wollen nachschicken, damit er ihnen bei Freunden keinen Schimpf beweisete.

Hans Langen aber, dem Bauern, hat er viel Ehre erzeiget, und hat ihme angeboten zu geben was er begerete. So hat er nicht anderes bitten noch annehmen wollen, denn daß er die Zeit seines Lebens mochte aller Unpflicht frei sein. Das hat ihme H. Bugslof gerne gegeben und hats ihm auf seine Erben wollen geben, aber er hats nit wollen an nehmen und gesagt, er wäre ein Bauer, so solten seine Kinder auch Bauern bleiben. Schickten sie sich wol, so könnten sie keinen besseren Stand haben. Und H. Bugsloff hat befohlen, wann Hans Lange zu Schlosse käme, daß man ihm gütlich tun solte und nichts weigern was er begehrte. Und hat darum der Bauer große Furcht und Acht bei jedermann gehabt. Denn er konnte einen bald bei dem Herzoge erhalten, was sonst keiner so leichtlich tun konnte.

 


 

Rügenwalde in der Literatur.

Auch in der deutschen Literatur ist unser Städtchen mehrfach erwähnt worden. Sieht man von den Erzählungen verschiedener neuerer Schriftsteller, deren Skizzen vielfach auf pommerschem Boden mit speziell niederdeutschem Kolorit spielen, ab, in denen, wie beispiels weise bei Elise von Puttkamer, Rügenwalder Lokalfärbung unverkennbar ist, so gibt es doch verschiedene Arbeiten, in denen Rügenwalde und Rügenwaldermünde direkt dem Leser vorgeführt werden. Hiervon ist in erster Linie Paul Heyses Schauspiel "Hans Lange" zu erwähnen, durch welches Rügenwalde sowie das Dorf Lanzig in weiten Kreisen bekannt geworden ist. Ein reizvolles kleines Geschichtchen, das auf Rügenwalder Boden entstanden ist, entnehmen wir den "Marine-Humoresken" des Korvetten - Kapitäns a. D. Hermann Gercke, die im Deutschen Verlagshause Bong u. Co., Berlin erschienen sind.

 


 

Die Rache des Kommandaten.

Über dem Städtchen R. lag der tiefe Friede einer mondklaren, lauen Sommernacht. R. liegt an der Mündung eines der kleinen Flüsse, welche quer durch Hinterpommern fließen, ist ein beliebter Badeort und zeichnet sich durch nichts Besonderes aus . . . doch halt, in R. wird sehr viel Wurst hergestellt, und es werden von da aus viele Aale und geräucherte Gänsebrüste verschickt. Am Vorabend jener Sommernacht hatte das "Kurhaus" in R. eine sehr fröhliche Gesellschaft gesehen. Es hatte eine Reunion stattgefunden.

Zwischen zwei und drei Uhr morgens verließen mit den letzten Gästen auch zwei Offiziere des Vermessungsfahrzeuges "Schwertfisch" jenes Gasthaus, um an Bord zu gehen.

"Zu reizende Mädels, diese pommerschen Landedelfräuleins", meinte der Unterleutnant L., "schade, daß ich morgen das verabredete Picknick nicht mitmachen kann. Na, dann ein andermal."

"Sie haben der kleinen W. wohl etwas tief in die Augen geguckt . . Steady*) old boy, port your helm**), erwiderte sein Begleiter, der Unterleutnant F. Ob damit ge meint sein sollte, daß L. von einem Kurse, der vielleicht zu einer Verlobung führen konnte, ablassen, oder ob er den Kurs, dem beide Offiziere folgten, besser einhalten sollte, muß hier unerörtert bleiben. Tatsache war, daß L. etwas "gierte"*); kein Wunder, wenn man berücksichtigt, daß einem Tage mit munterem Dienste ein Abend mit unzähligen Walzern, Polkas usw. und schließlich noch eine kleine Sitzung gefolgt waren, in der man die Vorzüge der Erdbeerbowle gegenüber anderen Getränken einer eingehenden praktischen Untersuchung unterzogen hatte.

Als die beiden Offiziere zum Hafen kamen, lag der Schwertfisch ruhig am Bollwerk. An Deck befanden sich ein wachhabender Unteroffizier und der Läufer; der wachhabende Offizier - es gab deren nur zwei, da der "Erste" wachfrei war - hatte die Erlaubnis, während der Freizeit der Mannschaft unter Deck zu gehen . . . natürlich nur im Hafen. Die Morgenwache von vier bis acht Uhr war dagegen Sache des "Ersten".

Auf dem Schwertfisch war von F. erster Offizier. Als dieser nun in Begleitung L.s an Bord gekommen war, gab er dem wach habenden Unteroffizier nur die kurze Weisung: "Sonntagsroutine!" Denn der Tag war ein Sonntag. "Zu Befehl, Herr Leutnant," war die militärischstramme Antwort.

Still wanderte der Mond am klaren Himmel seine Bahn, leise, ganz leise plätscherten die kleinen Wellen des Flusses gegen die Bordwand des Schiffes und die Balken des Bollwerkes, und wenn gelegentlich ein Fisch aus dem Wasser sprang, um mit einem schwachen "Patsch" wieder in sein Element zurückzufallen, so dienten diese Geräusche nur dazu, um zu zeigen, wie besonders ruhig und friedlich die Welt in jener herrlichen Sommernacht dalag, und wie still und sanft die Stunden dahingingen.

Ruhig und friedlich? Still und sanft? - Ach nein, Ruhe und Frieden, Schweigen und Sanftmut gibt es dort nicht, wo . . . wo . . . nun z. B. wo Gegensätze aufeinanderprallen. Und auf dem Schwertfisch gab es Gegensätze! Der Kommandant haßte die "Weiber", und seine drei jungen Unterleutnants verehrten "das schönere Geschlecht" . . . sehr sogar! Wie waren da Ruhe und Friede, Schweigen und Sanftmut möglich?! Indessen der alte X. liebte dennoch Ruhe und Frieden, Schweigen und Sanftmut, Begriffe, die sich mit dein Wesen eines Vermessungsfahrzeuges besser verbinden lassen, als die entsprechenden Gegenbegriffe, die mehr zu einem wirklich Kriegsschiffe passen.

Wie nun die Gegensätze ausgleichen?

Da hatte der alte Herr eine glänzende Idee! Er erschien kurz nach dem Wecken persönlich an Deck, verbot dem Unteroffizier die Wache, den Burschen usw., die Offiziere zu wecken, und dann begann unter seiner Leitung ein geheimnisvolles Treiben. "Geheimnisvoll", weil der Beherrscher des Schwertfisches jegliches Geräusch bei sofort vollstreckbarer Todesstrafe verbot . . . Es könnte aber auch sein, daß der alte verdrehte Herr die Leute um vollkommene Geräuschlosigkeit "gebeten" hat, und daß die Mannschaft mit Vergnügen auf den "Jux" einging. Also kurz und gut, an Deck und am Bollwerk erhob sich geräuschlos-geheimnisvolles Treiben, und nach kurzer Zeit entführte die sanfte Strömung des Flusses

* * *

Wohl dem Seemann, der zu schlafen versteht! Trotz Sturm und Wetter, trotz Ärger und Aufregung, trotz aller Gefahren und auch Freuden des Berufes fest und gesund schlafen können, das sollte eigentlich die aller erste Anforderung an einen Seemann sein. Denn wenn er so, wie eben gesagt, nicht schlafen kann, dann ist er sehr bald verbraucht, der Seemann, besonders aber der Seeoffizier!

Die drei Unterleutnants des Schwertfisches waren aber noch lange nicht verbraucht; die schliefen in den goldigen Sommer-Sonntag- Morgen, der jener herrlichen Nacht gefolgt war, hinein, als ob sie beweisen wollten, in welch hohem Grade sie geeignet wären, im Dienste Seiner Majestät die höchsten Rang stufen zu erreichen. Und tatsächlich sind zwei von den dreien Admirale geworden, während der dritte töricht genug war, sich das Schlafen abzugewöhnen und "nervös" zu werden. Da hat er es denn nicht weit gebracht. Aber, so muß hier mit besonderer Betonung hinzu gefügt werden: Honny soit qui mal y pense! - Indessen, einmal muß auch ein Unterleutnant erwachen, und in vorliegendem Falle war es der "Erste!" Man sieht, der junge Herr verdiente diese Bezeichnung in jeder Beziehung. Auch die anderen beiden erwachten, und wer beschreibt das Erstaunen der Offiziersmesse des tapferen Schwertfisches, als man die Entdeckung machte, daß das Fahrzeug unter einigen wenigen Segeln dicht unter Land sich sanft und anmutig auf den Wellen der Ostsee wiegte! Aber es war höchste Zeit, Toilette zu machen, denn schon rief mit sanften Klängen die Schiffsglocke zum Gottesdienste. Und der alte, sanfte X. verlas eine Predigt über das Evangelium Matthäi im 11. Kapitel, Vers 28: "Kommet her zu mir . . ." endigend im 30. Verse mit den Worten: "Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht." - 

Was die kleinen, netten, pommerschen Mädels gesagt haben, weiß der getreue Berichterstatter nicht. Die drei Unterleutnants des Schwertfisches waren zuerst "baff", dann fluchten sie wie Panduren, dann lachten sie und gingen Seewache! Das ist die Geschichte von der Rache des Kommandanten.

*)  Das englische Kommando für "Geradeaus Steuern."
**)  Backbord das Ruder.
*)  Gieren = ungenau steuern.

 


 

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Redaktion, Druck und Verlag von Albert Mewes in Rügenwalde