Eine Wanderung um den Vietzker See.
Immer wieder zieht es mich hin zu diesem schön gelegenen See mit seinen abwechslungsreichen Ufern; immer wieder entdeckt das Auge neue Schönheiten und löst sein Anblick neue Stimmungen aus.
Hinter dem weißen Dünenrande und eine Heidestreifen mit kleinen Wellenförmigen Erhebungen, die sich weiter ostwärts zu Wanderdünen auftürmen, lacht uns sein Spiegel an schönen Sommertagen wie ein blaues Riesenauge entgegen. Ausgedehnte Flächen mit Erika und Krähenbeere bestanden, dazwischen niedriges Gebüsch, Dünen- und Uferwäldchen, bedecken die schmale Nehrung.
Der Vietzker See hat eine Länge von ungefähr fünf Kilometern, seine größte Breite zwischen Krolow und Krolowstrand beträgt beinah vier Kilometer, so dass er mit seinen 11,2 Quadratkilometern in der Mitte zwischen dem Buckower und Vitter See steht. Seine Tiefe ist gering, und sein Wasserspiegel liegt im Durchschnitt nur 20 cm über dem der Ostsee. Wie seine beiden Brüder ist er ein ehemaliger Haftsee und bildete einst vor manchem Jahrtausend mit Ihnen ein einziges Wasserbecken, aus dem Diluvialinseln hervorragten. Zwischen ihnen setzten sich Schlamm und Sand fest, und so entstanden aus der einen Fläche schließlich drei Teilbecken, die aber noch vor wenig100 Jahren in innigem Zusammenhange standen. Die Verbindung zwischen Vietzker und Vitter See stellte die heute fast ganz vertorfte und zugewachsene Kraut-Glawnitz her. Vom Vitter See führte die noch zur Zeit Friedrichs des Großen schiffbare Lütow am Darlowberge vorbei zur Wipper und von dieser wieder die auch schiffbare, heute gänzlich zugewachsene Thra zum Buckower See. Auch die Süd und Westufer des Sees begannen zu vertorfen, und von Norden her verlandete sein Spiegel immer mehr durch den hinein gewehten Dünensand. Um seinen Wasserstand zu senken, ließ Friedrich der Große einen neuen Ausfluss, die heutige Glawnitz, graben. Dadurch wuchs das Kleistsche Lehen Krolow um 317, Vietzke selbst um 404 Morgen Ackerfläche, und die Wiesen bei Lanzig und Neuenhagen wurden entwässert.
Schon vor den einwandernden Wenden waren die Ufer des Sees besiedelt. Davon zeugen sechs von der Ostsee ausgespülten Beile aus Elchgeweih und ein Steinbeil, das in den Dünen von Krolowstrand gefunden wurde.
Wie sich die slawische Einwanderung vollzogen hat, darüber können wir nur Vermutungen anstellen. Vielleicht ragte unter den Wenden ein gewisser Witoslaw der durch Erwerb oder Gewinn Berühmte (Kurzform: Wietzsch) hervor, der sich auf der vom Südufer weit in den See hineinragenden Halbinsel niederließ. Da sich der Boden der Halbinsel bis zu 13 m erhebt, war er keinen Überschwemmungen ausgesetzt. Die Verbindung mit dem Festlande war damals bedeutend schmäler als heute, weil die weiten Wiesenflächen unter Wasser standen, der Zugang also verhältnismäßig leicht zu verteidigen. Seine Ansiedlung, nach ihm Vietzig (Brüggemann) oder Vietzke genannt, gab dem ganzen See den Namen.
Da die Hauptbeschäftigung der Wenden Jagd und Fischfang war, außerdem sich vor Vietzke eine niedrige Inseln über dem Seespiegel erhebt, war diese Anlage äußerst günstig gewählt. Alte Sagen erzählen, dass diese Schilfumwachsene Insel einst der befestigte Schlupfwinkel von Seeräubern war. Ein schmaler Damm zieht sich unter dem Wasser zum gegenüberliegenden Ufer hin. Ein großer Findling auf ihm diente ihnen als Richtweiser. Noch zur Franzosenzeit soll ein Lanziger auf ihn entlang gewandert sein, ohne den Grund zu verlieren.
Vietzke (Viezig, Vietzig) ist ein alter Stammsitz der Familie Puttkammer, die ihren Ursprung auf das mächtige Dynastengeschlecht der Svenzonen zurückführt und dessen Wappen den Fischgreif, weiterführt. Als näherer Stammvater mehrerer Hauptlinien des Geschlechts erscheint um 1300 ein Peter Podkomorzy, auch Subcamerarius genannt. Aus dem Beinamen entwickelte sich der spätere Geschlechtsname. Subcamerarius = Unterkämmerer ist eine ungenaue Übersetzung aus dem Slawischen ins Lateinische; denn die alten Podkoomoryn standen im Range über den Hofbeamten: Tuchseß, Mundschenk.
1340 besaß Peter von Schlawe die Lehen Vietzke und Resekow, ebenso sein Sohn
Lorenz, dessen Sohn Georg den Stifter der Linien Puttkammer = Granzien, Jeseritz
und Vietzke ist und wahrscheinlich Coershagen gegründet hat; denn 1480 wird ein
"Kersten Puttkammer zu dem Georgeshagen" genannt. Näher auf den umfangreichen
Besitz des Geschlechts einzugehen muss ich mir versagen. Vietzke besaß zwei
Adlige Höfe oder Vorwerke, von denen eines als Corkesches Lehen aufgeführt wird,
bis sie beide Puttkammerscher Besitz wurden, ebenso Marsow und ein viertel
Schlackow. Brüggemann führt an: Vietzke hat zwei Vorwerke, eine Windmühle, sechs
Kossäten, sieben Feuerstellen, Anteil an den Schlackowschen Walde, gute
Fischerei in dem Vietzker See. Die beiden adligen Höfe sind zu Marsow, die
Kossäten aber zu Lanzig eingepfarret. Für die beim Gute seit 1776 für 1450
Reichstaler königlichen Gnadengelder vorgenommenen Verbesserung muss ein Kanon
von 19 Reichstaler gezahlt werden.

Am Vietzker See
Seines alter Zeit unterschied man im Vietzker See den Großen See östlich des vorhin genannten Dammes von dem kleinen See westlich davon. Der kleine See wurde von der Domäne Neuenhagen mit den Puttkamern auf Vietzke zu gleichen Teilen befischt. Jedes Jahr gab es 10 Garnzüge, darunter den Brassen (Blei)- und Kapernzug. Auch der große See brachte 10 Garnzüge und wurde ebenso zu gleichen Teilen von der Domäne und dem Kleisten vor Krolow befischt.
An den Erträgen aus der Glawnitz waren der herzogliche Hof zu Rügenwalde mit zwei Anteilen und die Puttkamer mit einem beteiligt. Auch heute ist der See reich an Fischen; gefangen werden Aal, Hecht, Zander, Blei, Schlei, Stint und Uecklei. Rohrpläne und Binsen, besonders aber die Insel bieten Nistgelegenheiten für zahlreiche Wasservögel. Je nach der Jahreszeit kann man Wildgänse, Schwäne, Taucher und vier Arten von Schnepfen beobachten. Am Abend erschreckt die Rohrdommel den einsamen Wanderer durch ihren gespenstischen Ruf. Vom Oberwald aus streichen Reiher über den Spiegel; öfter werden auch seltene Gäste der Vogelwelt an seine Ufer verschlagen, so dass der Vogelkundige seltsame Überraschungen erleben kann.
Vergebens versuchte ich in diesem regenreichen Sommer über die Wiese am "Kloster" vorbei das nahe liegende denkwürdige Lanzig zu erreichen. Immer tiefer sank ich ein, der Boden fing bedenklich an zu schwanken, bald stand ich im tiefen Wasser und musste in der Dämmerung auf weiten Umwegen dem Steg an der Mündung des Klosterbaches aufsuchen. Das Kloster, ein kleines Wäldchen, und der Bach rufen historische Erinnerungen wach. Der Klosterbach, der Wasserreichste unter den Wasserläufen, die sich in den See ergießen, schützte von Südwesten her die Vietzker Siedlung, war er doch noch bedeutend breiter und tiefer als heute. So wird er bereits in 1370 bei Festsetzung der Grenzen zwischen Lanzig und Dummerasloviz (Masselwitz) genannt. Das ist die älteste Nachricht über Lanzig.
In dieser Weltabgeschlossenen Gegend am Klosterbache, einer Einöde in damaliger Zeit, schenkte 1394 Bogislaw V. Witwe, die Herzogin Adelheid, dem Karthäuserorden mehrere Güter zur Anlage eines neuen Kloster; "darinnen dat Gotteshus gelegt us un dat erste bunnen. Die Schede des Dorfes Korlin unde begunstiget und deme Natzmershagen Welken anderen Guderen". Nach der Ordenssatzung durfte keine neuen Gründung erfolgen, wenn nicht der Unterhalt eines Priors und 12 Mönchen gesichert war; doch waren die Zusage der Herzogin und ihrer Söhne so viel versprechend, dass der Orden erfolgreich daran ging, hier ein Kloster Marienkron anzulegen. Aus dem Kloster und Arnboken bei Lübeck kamen die ersten Mönche über See nach Kolberg, wo sie aufs herzoglichste empfangen wurden. Der Ritter und Bürgermeister Albert Hasevot vermachte ihnen sofort eine Rente von 60 Mark Zink, der Kolberger Bürgermeister gab zum Klosterbau 1400 Mark und das Mutterkloster schenkte die nötigen kirchlichen Gewänder und Gerätschaften. Die Rügenwalder standen nicht zurück. Von allen Seiten flossen die Gaben reichlich, dass Marienkron z. B. bald 23 silberne, meist vergoldete Kelche hatte, von denen es 18 verkaufen konnte. Aber zum Unglück starben Herzogin Adelheid und ihr Sohn Wartislaw bald darauf, und der Bau geriet ins stocken. Auch die Weltabgeschlossenheit der Lage erwies sich sehr hinderlich, und so wurde denn das Kloster bald nach "de Dorpstede un de Clonnvytze" (Klein Vitte) und von dort nach Schlawe verlegt, bis es seinen endgültigen Ort am Gardgraben bei Rügenwalde erhielt. Aber noch heute zeigt man am Klosterbache die Stelle seine ersten Gründung und die Sage von der Freveltat eines Mönches (der Schwan auf den Vietzker See) lebt noch heute fort. Die Wellen des See ist raunen von vergangenen Zeiten, die Nebenstreifen über ihm scheinen sich zu gespensterhaften Mönchsgestalten umzuformen, da löst ein verwehter Glockenton den Bann.
Lanzig! Wie freue ich mich, als ich nach dem schwanken Wiesengunde endlich festen Boden unter den Füßen fühlte. Lanzig! Was für Erinnerungen weckt nicht schon dein Name! Von alten Zeiten und alten Gebräuchen erzählten wir am Abend, um am nächsten Morgen wieder einmal eine Besichtigung des stattlichen Dorfes vorzunehmen. Auf einer kleinen Anhöhe inmitten der ringsum lagernden Höfen mit ihren schattigen Gärten erhebt sich der malerische Bau der geräumige in Kirche von uralten Linden umgeben. Sie scheint früher befestigt gewesen zu sein, den Bewohnern als letzte Zuflucht vielleicht bei feindlichen Überfällen von der nahen See aus gedient zu haben. Um sie herum breitet sich der alte Kirchhof aus, von einer niedrigen Mauer aus Feldsteinen eingeschlossen. Von der ursprünglichen Befestigung erhalten ist ein schönes altes Portal mit weiter Rundbogenöffnung zwischen ehrwürdigen Buchen. Als dreischiffige Hallenkirche einmal angelegt, ist sie mehrfach umgebaut worden. Aus einer Inschrifttafel an der Nordseite des Schiffes geht hervor, dass sie ursprünglich 3 Dächer hatte. Der flache Chorschluss und ein Anbau auf der Südseite weisen auf das 16. Jahrhundert hin, aber der einfache aus Kalkstein gefertigte Taufstein und ein großer Kruzifixus lassen auf eine viel frühere Zeit schließen. Berühmt ist seit alter Zeit das Glockengeläut. Wie die Sage berichtet, ist es in Lanzig von einem Lanziger Glockengießer geschaffen worden.
Auch das Kirchenbuch gibt keine Auskunft über die Bauzeit der Kirche. Seine
Nachrichten beginnen erst in nachreformatorischer Zeit. Der erste evangelische
Pastor war Johann Spliet, der vom katholischen Glauben übertrat. In der Reihe
seiner Nachfolger interessieren Johann Georg Friedrich Erdt und Albert Otto
Wilhelm Moderitzki. Unter ersterem bildete Lanzig mit den benachbarten
Kirchenspielen 1817 eine eigene Lanziger Synode, die bis zu seinem Tode bestand.
Der letztere gehörte der Deutschen Burschenschaft an und wurde wie einst Reuter
zu 30-jähriger Festungshaft verurteilt, bis er 1840 begnadigt wurde.

Hans Lange-Haus in Lanzig
Unser nächster Gang gilt dem Hans Lange-Haus; denn wer in Lanzig gewesen und hat nicht dies Haus mit seinem herzoglichen Balken gesehen, der hat nichts von Lanzig gesehen. Über Hans Lange ist schon zu viel geschrieben worden, dass man sich eigentlich scheut, auch noch etwas dazu zu sagen. Jedenfalls steht fest, dass sich seine Persönlichkeit nicht einwandfrei historisch nachweisen lässt. Aber die Tradition haftet doch jetzt so fest, und der Balken spricht auch dafür, wenngleich die bekannte Inschrift dem 17. Jahrhundert nach den Buchstabenformen angehört, dass wir an unserem getreuen Amtsbauern festhalten. Zurückverfolgen lässt sich das Lange-Geschlecht nur bis zu einem Tewes Lange 1648. Das ursprüngliche Lange-Haus wurde ein Raub der Flammen. Nur der heute noch auf dem Boden aufbewahrte Balken wurde gerettet. Die gusseiserne Tafel am Hause rührte von Friedrich Wilhelm IV. her, der gelegentlich eines Badeaufenthaltes in Rügenwaldermünde die Stätte besichtigte. Mehrere umfangreiche uralten Linden bilden einen besonderen Schmuck des schönen Dorfes, dessen Name als "Wiesenort" seine Lage an den Seewiesen kennzeichnet.
Unser Weg führt uns am Seeufer entlang, vorbei an mächtigen Findlingen nach Neuenhagen-Amt. In alter Zeit musste und ihn die Landziger Bauern dreimal in der Woche machen, um auf der Domäne und die Hand- und Gespanndienste zu leisten. Dasselbe Los hatten auch die Einwohner von Körlin, Kuddezow und Natzmershagen. Hier, bei Neuenhagen an der Glawnitz hat sich Herzog Kasimir IX. ein besonderes Haus erbauen lassen, um seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Fischfange obzuliegen. Er scheute dabei nicht Wind und nicht Wetter, sondern im Lederwams mit der Fischerkappe auf den Kopf und fuhr er hinaus auf die See und hantierte im Winter auf dem Eise des Vietzker Sees mit dem Fanggarnen, dass es ihm kein Berufsfischer an Ausdauer und Eifer gleich tun konnte. Hier in Neuenhagen ist er auch im Mai 1605 an einem Leiden, dass er sich beim Fischfange geholt, gestorben. Seine Leiche wurde zuerst nach Rügenwalde und dann nach Stettin gebracht und beigesetzt.
Vor Neuenhagen führt der Weg an der Glawnitz entlang zum Aalkaten. Die meisten ziehen es vor, noch einen Abstecher zum Leuchtturm und zur Steilküste von Jershöft zu machen. 30 Meter über dem Wasserspiegel erhebt sich der schlanke Turm noch 53 Meter, so dass man von dem Rundgange oben eine wunderbare Fernsicht genießt. Ein überwältigendes Naturschauspiel gewährt der Anblick eines Gewitters dort einsam auf steilster Höh. Das Leben der Beamten auf dem Turme aber verläuft nach dem Dichterwort:
zum Sehen geboren,
zum Schauen bestellt.
Ein Kranz von Dörfern, rote Ziegeldächer zwischen dem Grün der Obstbäume,
umrahmt das Seebecken. Nach Ostern erheben sich hinter ihm die weißen Kämme der
Wanderdünen, die bei Saleske eine Höhe von 25 Metern erreichen. Nach Westen
fällt bei Jershöft die Küste 24 Meter steil ab, und jedes Jahr versucht das Meer
sein Zerstörungswerk fortzusetzen und neue Teile abzubröckeln. Im Diluviallehm
sind Sandnester eingebettet. Das hereinsichernde Wasser gefriert und lockert den
Boden, so dass er abstürzt. Durch Buhnen versucht man den Stand zu befestigen.
Der 1837 erbaute Leuchtturm ist der älteste im Kösliner Bezirk. Vorher befand
sich in dem daneben errichtetem Beamtenhause eine Luchte = (Leuchte) im oberen
Stockwerke, deren Reichweite aber schon lange nicht genügte. 1908 wurde der
elektrische Betrieb des Leuchtfeuers mit eigener elektrischer Zentrale
eingeführt und am Strande eine Nebelsirene erbaut. 1927 erfolgte der Anschluss
an die elektrische Überlandzentrale. Das Blitzfeuer hat 3,8 Millionen
Kerzenstärke und 126 Kilometer Sichtweite - alle drei Sekunden erfolgt eine
Umdrehung.

Steilküste bei Jershöft
Doch zurück zum Aalkaten, der seinen Namen hinsichtlich der Aale mit größtem Rechte geführt, aber keinen Katen, sondern ein sehr schön eingerichtetes Gasthaus ist.
Wanderer!
Willst du Leid und Schmerz vergessen,
willst genießen Aal und Wein;
bleib ein Weilchen hier zu essen,
kehr' bei Gustav Pagel ein.
So dichtete mehr sinnig als schön einst ein einsamer Wanderer, dem es im Aalkaten ausgezeichnet gefallen hatte. Ja, die Glawnitz hat es in sich, nämlich die Aale. Ihren Namen bekam sie einst, weil sie beim glawa = Kopf oder Höft sich ins Meer ergießt. Ihr ursprüngliches Bett lag weiter nach Osten. Man zeigt noch heute die Stellen der Sandglawnitz; zum Unterschiede nannte man die heutige die Steinglawnitz. Der Besitzer des Aalkatens hat ein altes Privileg aus der Zeit Friedrichs des Großen. Der Aalfang hat seinen "Katen" weit über die Kreisgrenzen bekannt gemacht, und so mancher Badegast verkündete schmunzelnd im Freundeskreisen nach seiner Heimkehr, dass auch er selbstverständlich im Aalkaten gewesen.
Aber wir sind nicht bloß zum Essen und Trinken nach dem Vitzker See gewandert, die wollen schauen, etwas erleben, und das können wir an einer Stelle, wo wir es am wenigsten erwarten, wenn uns nämlich das Glück gerade zu einer Hochzeitsfeier nach dem weltenfernen, einsamen gelegenen Vitzker Strand führt. Den See zur Rechten, und die weißen Dünen zur Linken wandern wir auf wenig betretenem Heideweg bald zwischen Erlen und Weidengebüsch, bald zwischen niedrigen Kiefern am Zinnkaten vorbei zur Fischersiedlung Vietzker Strand.
Der ist kärglich lohnende Beruf, der unfruchtbare Sandboden hat hier unter schwersten und Lebensbedingungen einem knorrig ausdauernde Menschenschlag heranwachsen lassen, der es gewohnt ist, den Kampf ums Dasein mit den Gefahren des Meeres aufzunehmen. Nur wenige Häuser oder Häuschen grüßen den Wanderer, und doch zählt der zu Vietzke gehörige Wohnplatz gegen 30 Wohnstätten mit 250 Einwohnern. Beim Näher kommen fällt auf, dass jedes Wohnhaus mehrere, bis zu vier Türen zählt, und dementsprechend in seinen einzelnen Teilen verschieden farblich angestrichen ist. Um unnötige Baukosten zu sparen, wohnen immer mehrere Familien zusammen in einem Hause. Da heißt es schon verträglich sein und mit dem Nachbarn Frieden und Freundschaft halten.
In alter Zeit soll hier eine Insel im See gelegen habe, die durch einen
schmalen Wasserarm vom Festlande getrennt war. Die Vietzker Gutsherrschaft
erbaute darauf ein Haus und setzte einen Mann hinein, dem die Fischerei im See
übertragen wurde, weil diese wegen der Ackerwirtschaft in Vietzke regelrecht
betrieben werden konnte. Der Fischer hatte die Verpflichtung, von seinem Fange
den Bedarf der Gutsherrschaft abzugeben. Der Erlös aus dem Reste sollte ihn und
die Seinigen unterhalten. Durch die Senkung des Seespiegels unter Friedrich dem
Großen verlandete die Insel, und neben dem einen entstanden noch drei andere
Fischkate zur Zeit des großen Königs. Diese vier Fischer übte nun auch
gemeinschaftlich den Fang auf der Ostsee aus. Weil auf dem zu Vietzke gehörigen
Grund und Boden entstanden, wurde die Siedlung nun Vietzker Strand genannt. Für
die weitere Schicksale des Wohnplatzes sind wir allein auf die Schulchronik
angewiesen. Im Gegensätze zu andere liefert sie manchen kulturgeschichtlich
wertvolleren Beitrag. Sie sei daher im Auszuge wiedergegeben.

Leuchtturm von Jershöft