Was die Schulchronik zu Vietzker Strand erzählt.
Die Schule zu Vietzker Strand wurde um das Jahr 1788 eingerichtet. Damals wohnten hier vier Familien mit 15 Seelen, darunter vier schulpflichtige Kindern. Der weiten Entfernung und abgeschlossen Lage der Ortschaft wegen war ein ein Schulung der Kinder anderwärts nicht möglich. Man berief daher unter dem Patronate des Herrn von Puttkamer auf Vietzker den Schneider Scheibe aus Penekow hierher, der die Kinder unterrichten sollte. Einen besonderen Kostenaufwand verursachte diese Einrichtung nicht, weil jeder Hausvater für ein Schulkind sein Wohnzimmer für eine Woche als Schulstube hergab und während dieser Zeit auch den Lehrer speiste. Die Kinder besuchten die Schule vom 8. - 14. Lebensjahre nur während der Wintermonate. Außer freier Wohnung und Beköstigung reihum erhielt der Schneider Scheibe für jedes Schulkind ein jährliches Schulgeld von 8 Guten Groschen. Als er 1803 starb, musste die Schule, weil sich kein Bewerber fand, geschlossen werden.
Seit 1805 wurde sie wieder vor dem Mauer Kasper Drews verwaltet, einem Sohne des Kuhhirten und Lehrers Drews zu Garzin. Kasper Drews hatte neben dem Maurerhandwerk sich in dem väterlichen Schulbetriebe beschäftigt. Die Schule zu Vietzker Strand bestand und ihm weiter als Wanderschule fort, auch nur im Winter. Im Sommer war er als Maurer tätig, solange in den Winter hinein, bis ihm die Maurerkelle einfror. Von seinem Schulinspektor wurde er daher "Klickerkaspar" genannt. Beim unterrichte saß er am Familientische, die Kinder auf Bänken, die in der Weise hergestellt wurden, dass in den Lehmfußboden vom Lehrer vier Pfähle mit der Holzaxt eingeschlagen wurden, auf die man unbehobelte Bretter legte. Während des Unterrichts von 8 - 11 Uhr vormittags und 1 - 4 Uhr nachmittags beschäftigte sich der Lehrer nebenbei mit Spinnen und Strumpfstopfen. Als Zuchtmittel gebrauchte er den gerade zu stopfenden Strumpf mit dem darin steckenden Leisten. Er lehrte Religion, Lesen, Rechnen und Schreiben. Der Religionsunterricht wurde in der Weise betrieben, dass die Kinder die Bibel von Anfang bis zu Ende lasen und die Kirchenlieder und Dreist's Katechismus auswendig lernten. Schreiben durften nur die Knaben, aber nur diejenigen, deren Eltern es wünschen. Ein eichenes Brett mit einer Bastleine als Gänge diente als Tafel, auf der die Schüler mit Kreide schrieben. Ausnahmsweise und wurde von einigen gespitzte und gespaltene Federposten und gelbes Papier benutzt. Im Rechnen kam man nicht über das kleine Einmaleins hinaus. Nach einigen Jahren musste die Schule wieder eingehen, weil keine Schulkindern da waren; doch konnte sie 1815 wieder eröffnet werden, und die Schülerzahl wuchs unter Drews allmählich bis auf 18. Als Schulrat Kawerau um 1840 die Schule revidierte und dem Drews aufforderte, Katechismus vorzunehmen, antwortete er: "Wed'n? De Grote ore de kleine?" (Welchen? Den großen oder den kleineren?). Nachdem er 38 Jahre tätig gewesen war, starb er 1843.
Wieder fehlt es an einem Bewerber, und so ging die Schule zum dritten Male ein. 1848 erhielt sie zur Verwaltung der 16-jährige Präperande Beckmann. Die Schülerzahl war inzwischen auf 24 gestiegen, die Wanderschule musste aufhören. Daher wurde vom Fischer Karl Woldenhauer für 6 Taler jährlich ein Zimmer gemietet, und das als Schulstube und zugleich als Wohnraum für den Lehrer dienten. Schultische wurde und angeschafft und Schiefertafeln eingeführt. Die Gutsherrschaft gab Grund und Boden für den Schultorf her, dass Werben und Heranschaffen musste die Gemeinde übernehmen. Für jedes Schulkind musste auch von den Eltern 1 Taler Schulgeld gezahlt werden. Außer dieser Bareinkommen erhielt Beckmann freie Beköstigung dergestalt, dass jeder Familienvater der Reihe nach den Lehrer speisen musste. Weil das durchaus nicht zur Befriedigung der Bedürfnisse an Kleidung, Bücher usw. ausreichen wollte, erhielt der Lehrer auf seinen Antrag vom Landratsamtes die Erlaubnis, in einem Umkreis wird von 2 Meilen bei Hochzeit und Tanzvergnügungen aufzuspielen. (Die Entfernung wird er wohl nicht peinlich berechnet haben.) 1850 konnten im November und Dezember keine Schule gehalten werden, weil keine Schulstube vorhanden war. Zum 1. Februar 1854 gab Beckmann die Stelle auf.
Ihm folgte wieder ein Präperande, der aber nur einen Monat verblieb, weil er inzwischen die Aufnahmeprüfung auf das Kösliner Seminar bestanden hatte. Sein Nachfolger hielt eineinhalb Jahr aus. Wieder trat ein Präperande ein, den der geistliche Schulinspektor ohne Wissen der Regierung einfach einsetzte. Als der Pastor starb, kam es durch seinen Nachfolger zur Erkenntnis der Behörde, die aber nach einem günstigen Berichte des Schulinspektor überaus erfolgreiche Tätigkeit des Präperande ihn anstellte. Anfang 1864 kam es wegen der Speisung zwischen dem Lehrer und der Gemeinde zu Misshelligkeiten, infolge deren die Regierung die Gemeinde von der unentgeltlichen Beköstigen befreite, wenn sie in 35 Taler dem Lehrer festes Gehalt zahle und ihn für 30 Taler bei einem Hauswirte speise. Nachdem der Stelleninhaber die Lehrerprüfung in Köslin bestanden hatte, gab er seine Tätigkeit am 24.8.1868 auf und zog nach Amerika.
Darauf verwaltete der Präperande Ernst von Marsow ein Jahr die Stelle, worauf sie von der Regierung einen Zögling der Züllchower Anstalten übertragen wurde. Zugleich wurde ihm ein Gehalt von 130 Talern zugesichert. Aber noch binnen Jahresfrist übernahmen sie der Schulamtsaspirant Krüger. Eine neue Schulstube wurde im September 1871 eingeweiht. Sie befand sich im Hause eines Fischhändlers, der dasselbe vollständig aus dem Holze eines hier gestrandeten Schiffes erbaut hatte. Krüger bestand bald darauf seine Lehrerprüfung und verzog im Oktober 1872 nach Püstow. Sein Nachfolger wurde abermals ein Präparand mit 90 Talern Gehalt. Nachdem er die Aufnahmeprüfung auf das am Dramburger Seminar bestanden hatte, musste auch er wieder scheiden. Schulverweser Saffian trat jetzt die Stelle an. Er war der Sohn eines katholischen Lehrers und selber schon katholischer Lehrer gewesen, fühlte sich aber in seinem Gewissen bedrängt und war aus der katholischen Kirche ausgestoßen worden. Man wollte ihm hier Gelegenheit geben, vollständig zur evangelischen Kirche überzutreten. Doch er zeigte sich bald als "ein Freigeist im größten Maße" und kündigte die Stelle, dem nun dem Schulverweser Woldemann mit 750 Mark übertragen wurde. Nach bestandener Lehrerprüfung wurde er 1882 nach Wilhelmine versetzt. Es gibt wohl selten eine Lehrerstelle, die so oft ihren Inhaber gewechselt hat; doch die abgeschlossenen Lage des Ortes und die sonstigen misslichen Verhältnisse machen diesen Umstand verständlich.
Einige Nachrichten und Bemerkung aus der Schulchronik möge noch Platz finden. Die Vietzker Nehrung ist nicht immer so öde wie heute gewesen. Ehemals bedeckten sie mächtige Laub- und Nadelwälder. Beweis dafür ist die "pechschwarze Muttererde", auf die man unter dem Sande z. B. bei "Jobs Stieg" stößt. Jahre 1887 unternahm Lehrer Töpke Messungen über das Wandern der Düne und stellten damals 6 m für das Jahr fest. (Inzwischen sind die Wanderdünen zwischen Vietzker- um Krolowstrand festgelegt worden.) Der strenge Winter und 1887 bis 1888 brachte so reichlich Schneefall, dass an manchen Tagen der Verkehr zwischen den Häusern gesperrt war und die Schule ausfiel. Das Haus des Fischers Finn war ein Schneeberg, aus dem die Familie ausgeschaufelt werden musste. Die Eisdecke auf dem See war 1 Metern stark und die Fischhändler fuhren noch am Sonnabend vor Ostern mit Pferd und Schlitten nach Lanzig. Die schmelzenden Schneemassen machte dann nur einen Bootsverkehr nach dem Aalkaten und Neuenhagen möglich. Auch der Winter 1894 -95 war überaus schneereich, so dass der Schuleingang vollständig zugestürmt war. In der Neujahrsnacht 1914 durchbrach die Dünen an verschiedenen Stellen, der Vitzker See hatte Hochwasser, und der Ort war mehrere Tage von der ganzen Welt abgeschnitten, so dass die Nahrungsmittel zur Neige gingen. Das Jahr 1916 brachte reichlich Lachsfang, einmal 38 in einem Netze und damit reichlich Verdienst. Von Lebensmittelknappheit merkte man nichts am Orte. Am 21.4.1920 wurde hier Fischverwertungsgenossenschaft "Am Vitzker See" gegründet und eine "Brennstoffbeschaffungsgenossenschaft Vietzker Strand", die das nahgelegene 260 Morgen großen Wäldchen von Major von Zitzewitz-Schlackow erwarb. Zu Beginn 1923 wüteten wieder heftige Stürme, welche die Dünen durchbrachen. Zwei mit Holz beladene Leichterschiffe wurden östlich an den Strand getrieben, von denen eins kurz vor der Strandung kenterte. Der Kapitän und der Steuermann trieben zwei Tage darauf als Leichen an. Der Matrose und der Koch waren im gekenterten Schiff eingeschlossen. Der Matrose suchte sich durch Klopfen an die Schiffswand bemerkbar zu machen und wurde noch am 6. Tage nach der Strandung lebend herausgeholt, das Wasser stand die schon bis zum Halse. Er starb aber noch in derselben Nacht am Gehirnschlag. Sehr günstigen Lachsfang brachte wieder 1923; 30-50 in einem Zuge waren keine Seltenheit.1925 pachtete die Fischverwertungsgenossenschaft den Vietzker See auf 12 Jahre.
Damit wollen wir die Geschichte des Ortes schließen. Sie zeigt uns, wie man auch unter ungünstigen Verhältnissen siegreich den Kampf ums Dasein führen kann, wenn die dem Hinterpommern an geborene Zähigkeit und Genügsamkeit sich mit der Liebe zur Scholle paart; denn seiner Heimat, die schmale, sandige Nehrung mit den dem Wasser und seien Gefahren auf beiden Seiten, und ist dem "Stränder" ebenso lieb und teuer wie dem Pyritzer seinen Weizenboden und seine Madue oder dem Großstädter sein stellt Stettin und Berlin. Der immerwährende Kampf mit Wind und Wellen hat seinen Körper sehnig gemacht, gestählt, die weite Einsamkeit ihm einem verschlossenen Charakter gegeben. Er fühlt die Erhabenheit der Schöpfung; aber er mag nicht gern seinen Gefühlen Ausdruck geben und verschließt sein Innerstes dem Fremden. Schwer ist er Neuerungen zugänglich; aber hat er erst einmal ihren Vorteil eingesehen (Genossenschaftswesen), dann ruht er nicht, bis er sie auch bei sich eingeführt hat.
Die deutschen Personennamen weisen auf deutscher Abstammung, und immer mehr muss man zu der Ansicht kommen, dass ein schmaler Küstenstreifen Hinterpommerns mehr oder weniger von der slawischen Invasion vom 6.-12. Jahrhundert nach Christi frei geblieben ist. Deutsche Bevölkerungsreste hielten sich und wurden durch Einwanderung von Norden übers Meer verstärkt, worauf verklungene Sagen deuten. Was erinnert denn heute hier noch an die Wendenzeit? Nur ein paar Ortsnamen, kaum jemals ein Bodenfund. Sie entstammen fast ausschließlich einer früheren Zeit.
Die Abgeschlossenheit und Stille ließ den Strandbewohner treuer an alte Sitten und Gebräuche festhalten als die Bewohner mehr dem Verkehr erschlossener Gegenden. Auf dem Vitzker See spiegelt sich der ganze Lebensweg des Stränders wieder. Im Boot beginnt er seines Lebens ersten Gang zur Taufe nach Lanzig. Vier Männer, "Pferde" genannt, rudern ihn hinüber und und bleiben im Gasthof, während die Paten mit dem Täufling zur Kirche ziehen. Auf ihre Kosten unterhalten sich unterdessen die "Pferde" mit einem neuen Spiel Karten und Getränken. Auch bezahlen die Paten später alles, was zur Ausrüstung des Täuflings gehört. Im Boot fährt er später an zur Kirche, zur Konfirmation, zum Abendmahl.
Der schwanke Kiel trägt den Stränder auch bei dessen Lebens höchster Feier. Ein Frühstück am Morgen mit Musik eröffnet den Hochzeitstag. Unter Kreischen und Juchen geht es zu den Booten. Die Musik fährt dem Hochzeitszug worauf. Bei Lanzig werden die Gäste von dem Pferden ausgebootet, und nun geht es ins Gasthaus, wo nach den Anstrengungen der Abfahrt vor der kirchlichen Feier noch eine Stunde getanzt wird. Dann wieder zurück über den See und nach kurzem Aufenthalt im Hochzeitshaus zum zweistündigen Tanze ins Wirtshaus; denn die eigenen Räumlichkeiten sind zu beschränkt. Nun findet sich alles zu Essen und Trinken im Hochzeitshause ein. Aus Butter hat man einen Hahn und eine Henne geformt, die reichlich mit Knistergold verziert, und bei jungen Paare stehen und von den beiden Brautjungfern ängstlich behütet werden; denn man sucht sie auf jede Art und Weise fortzulistet, und das hätte eine üble Bedeutung für die nächste Braut. Selten hat der Stränder ein Fest, und darum muss die Gelegenheit ausgenützt werden. So dauert denn der darauf folgende Tanz bis das Frühlicht durch die Scheiben blinkt, ja gelegentlich noch länger.
Sinkt der Fischer nach einem Leben, reich an Gefahren, Entbehrungen und Enttäuschungen, müde ins Grab, ist es wieder sein treuer Gefährte, der das Boot, das ihn auf seinem letzten Gange trägt. Von manchen plötzlichen Unglücksfall, von viel Leid weiß der Lanziger Kirchhof zu erzählen; aber im Grabe ist Ruh auch nach dem sturmbewegten Leben.
Aber wir müssen Abschied nehmen von einem einsamen Ort am stillen See. Nur von den Dünen her kündet leises Rauschen die nahe See. Hin und wieder über uns der schrille Schrei einer Möwe oder aus dem Röhricht der Lockruf eines Vogels, sonst Stille, tiefe Stille. Da tönt langsam und feierlich Glockengeläut von Lanzig zu uns herüber, und die Schatten der Vergangenheit werden lebendig. Urwald entsteht auf der einsamen Heide; Elch, Ur, Wisent, Bären und Wölfe hausen darin; majestätisch zieht der Adler seine Kreise und über den grünen Wipfeln; Vorzeitmenschen mit Steinwaffen durchstreifen die Wildnis; Germanen lösen sie ab, Wenden diese; Ansiedlungen mit Wall und Graben entstehen an den Ufern des Sees; fromme Mönche lassen sich nieder; Seeräuber machen den Stand unsicher. Da plötzlich knickt eine gewaltige Sturmflut die Urwaldriese und reißt den Waldboden auf; eine Windbahn entsteht; immer höher türmt der Wind den Sand, der den Wald zum absterben zwingt. Langsam aber stetig dringt der Sand von Westen nach Osten vor. Wanderdüne erheben ihre weißen Kämme höher und höher. Sturm wühlt den Sand auf. Gelb erscheint die Luft durch Millionen und Abermillionen aufwirbelnder Sandkörner; rot leuchtet der Sonnenball. Da verstummt das Geläut, der Traum entschwindet. Raue Wirklichkeit um gibt uns, wir stehen am Fuß der nun festgelegte Wanderdüne bei Krolowstrand.
Wo heute die Dünenkämme sich erheben, um lag einst ein Dorf. Langsam rückte
der Sand vor und begrub Felder, Gärten und Häuschen. Die Düne überschritt das
Dorf, und der Wind legte seine Fundamente bloß, bis wieder eine Wanderdüne sie
bedeckte. Wann das Dorf seine Untergang fand, wissen wir nicht. Man verlegt auf
Grund langjähriger Beobachtungen die Entstehungszeit der hinterpommerschen
Wanderdünen auf etwa 400 Jahren rückwärts. Je weiter wir nach Ostern wandern,
desto höher werden sie, bis sie bei Saleske ungefähr 25 Meter erreichen. Dort
konnte man vor einigen Jahren einen absterbenden und eine wieder aufgetauchten
toten Wald beobachtet. Den gegenwärtigen Zustand kenne ich nicht, lohnend ist
eine Wanderung dahin auf jeden Fall, schon der seltenen Dünepflanzen wegen und
der Insekten, die ihr Leben den Bedingungen ihrer Umgebung angepasst haben. Ein
gut erhaltenes Rauchhaus dürfte auch manchen Anziehen. Diese Häuser ziehen sich
in einem schmalen Küstenstreifen bis zum Kreise Stolp hin. Man mag im Kreise
Schlawe noch etwa 25 in ihrer ursprünglichen Gestalt zählen, die meisten am
Buckower See bei Neuwasser und Damkerort, die schönsten in Schlawin. Mehr als
alle Schilderungen vermögen, überzeugen uns bei Seleske die Anschauung von der
verheerenden Wirksamkeit der um Wanderdünen.

Altes Rauchhaus
Krolower Strand mit seinem Ausbauten ist auch nur ein Wohnplatz in der Größe von Vietzker Strand. Wenn sich auch selten der Fuß eines Wanderers hierher verirrt, liegt es doch nicht so ganz abgeschlossen, wie jener Ort. Leider haben sich hier Zigeuner sesshaft gemacht und beginnen zu einer Landplage zu werden. Besonders die Weiber unter ihnen tragen mit ihren albernen Wahrsagen und unglaublichen Sympathienmitteln ein gut Teil dazu bei, dass der Aberglaube nicht Aussterben will. Ihre Zinken kann man oft genug an dem Gehöften beobachten und sie an abgelegenen Stellen in den Strandwäldern um ihre Feuer lagern sehen, wie sie ein gestohlenes Huhn oder eine Igel braten. Den letzteren durchbohren sie mit einem Wacholderstock, bedecken ihn mit einer Lehmschicht und braten ihnen über dem Feuer. Nachdem wird die gebrannten Lehmhülle abgeschlagen und damit werden auch zugleich die Stachel entfernt. Für einen Pommerschen Magen ist das jedenfalls nichts; trotzdem heißt es: "Einpommerscher Magen kann Kieselsteine vertragen".
Vom Krolower Strand geht es am Hohen Ufer entlang nach Krolow. Das Ufer fällt hier steil ab, der Boden erhebt sich vor Goershagen bis zu 22 Meter. Der Uferweg ist ziemlich eintönig, erfreut aber durch die schöne Fernsicht auf die gegenüberliegenden Ufer. Krolow bedeutet Besitz eines Königs. Es bestand aus zwei Rittersitzen.
1490 belehnt Bogislaw X. seinem Kanzler Jürgen von Kleist mit dem von den vier Gebrüdern von Citzenitz für 1100 Gulden gekauften Gute Krolow und überlässt ihm 1491 die von sein Bauern zu Lanzig und Neuenhagen bisher auf dem zu Krolow gehörigen Teile des Vietzker Sees ausgeübte Fischerei.1493 belehnt er ihn mit dem von Haus Smorre für 406 Gulden gekauften Anteil von Schlackow. Krolow war ein Kleistsches Lehen geworden, das in späterer Zeit oft seinen Besitzer wechselte. Friedrich der Große ließ auf dem Gute für ab 5050 Taler Verbesserung vornehmen. Der eine Rittersitz Bredenhagen besteht heute nicht mehr. Von der Bedeutung des Ortes zeugt, dass hier ein Schloss und eine Kapelle standen. Die Kapelle an der Stelle des heutigen Spritzenhauses war zu Lanzig eingepfarrt. Der Küster erhielt für seine Dienste 4 Scheffel Roggen a 18 Groschen, 4 Pfund Wolle a 8 Groschen, eine halb Schock Käse a 7 1/2 Groschen und an Accidenzien 2 Reichstaler 5 Groschen. Das Schloss besser Burg, stand an der Stelle der Schloßkuhle auf einer Anhöhe am See. Alte unheimliche Sage vom Wilden Jäger und frevelhafte Schlossherrn umranken die von gewaltigen Steineschen beschattete Stelle
Um diesen Berg, da weht ein Sang,
Der Sturmwind selber ist sein Träger,
Er saust und braust von einem wilden Jäger,
Gewaltig, grauenvoll wie Donnerklang.
Die uralte Sage von Wod, dem wilde Jäger, wurde von Volk auf den letzteren Burgherren übertragen. Wenn der Sturm über den See dahin braust und die mächtigen Eschen und Eiche schüttelt, dass sie ächzend und stöhnend den gewaltigen Gebieter anerkennen, dann lässt es ihm im Grabe keine Ruhe. Auf seinem windschnellen Geisterross gefolgt von Rüdegebell und Eulenschrei muss er rastlos durch die Wälder dahin jagen, schwere Frevel zu sühnen. Vom Reichtum des gewaltigen Geschlechts zeugt eine andere Sage, nach deren ein Ritter zuerst in einem goldenen und dann in einem Zinksarge beigesetzt wurde. Keine Urkunde gibt Nachricht; was für ein Geschlecht hier gehaust und wann die Burg zerstört wurde; nur der Name Krolow deutet an, dass es mächtig und reich wie ein König gewesen oder einem hohen Vasallen als Lehen gehört.
Damit beendeten wir unsere Wanderung, die uns an viele Erinnerungsreiche Stätten und landschaftlich hervorragende Orte geführt. Aus der Geschichte der einzelnen Orte entsteht vor unserem Auge ein lebendiges Bild der abwechslungsreichen Geschichte der ganzen Landschaft. Kaum eine andere in unserem Kreise spricht so durch Sage und Geschichte zu uns. Und nun Wandersmann, der du dieses liest, lass es nicht beim Lesen bleiben, sondern nimm Ränzel, Hut und Wanderstab und suche diese Stätten selber auf; es gilt, noch ungeahnte Schätze zu heben, sei es alten Sagen, alte Gebräuche, Volkslieder zu sammeln oder altes Mauerwerk und Naturdenkmäler zu erforschen. Die Kraftpost befördert uns so schnell an die Ausgangspunkte Jershöft und Lanzig, dass man die Wanderung um den See leicht in einem Tage bewältigen kann. Wer weiter forschen will, der findet überall Unterkunft.
Des Schönen hat die Welt so viel,
hat auch für dich genug.

Steilküste bei Jershöft.