Eine Lehrerprüfung vor 100 Jahre in Lanzig.
Um die Schulverhältnisse auf den Rügenwalder Amtsdörfern war es damals wie fast überall in Hinterpommern trotz der Verordnungen, die schon Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große erlassen hatten, gar kläglich bestellt, wovon die Schulchronik von Vietzker Strand ein beredtes Zeugnis ablegt. Das Gehalt war erbärmlich und bestand hauptsächlich in Lieferung von allerlei Naturalien, die sehr unregelmäßig einkamen. Oft musste der Lehrer reihum essen bei den Bauern. Der Andrang zu dem Posten eines Schulmeisters war daher sehr gering, und war oft in der größten Verlegenheit, wenn man dazu erwählen sollte. Die Ansprüche an die Lehrerbildung waren dementsprechend gering. Meist waren es Handwerker, die sich zu dem wenig einträglich Posten meldeten. Leben konnten sie von dem Hungergehalte nicht und betrieben daher nach wie vor neben der Schulmeisterei ihr Handwerk. Nachstehende Geschichte hat den Vorzug, wahr zu sein. Sie ist hier wirklich passiert, wofür ich schwarz auf weiß den Beweis erbringen kann. Andere Orte wollen Lanzig den Ruhm streitig machen. Aber Lanzig kann in diesem Falle auf seinen Urheberrecht bestehen wie auf seinen herzoglichen Balken.
In Görshagen war der derzeitige Inhaber des Schulmeisterpostens gestorben, und man sah sich nach einem geeigneten Nachfolger um; denn der Winter war vor der Tür; aber kein Kandidat erhob Ansprüche auf den Posten, bei dem Schmalhans Küchenmeister war. Der Schulinspektor Superintendent Erdt in Lanzig, lässt den Ortsschulzen aus Görshagen kommen und fragt ihn, ob er denn wirklich keine passende Persönlichkeit kenne. Mein Schulze kratzt sich nachdenklich hinter den Ohren. O ja, ihr Dorfschneider würde sich trefflich dazu eignen. Der "Herr Superdint" möge ihn sich einmal ansehen und examinieren. Mein Schneider wird zum geistlichen Oberhirten hinbefohlen, um Rede und Antwort über seine Fähigkeiten zum stehen. Den Posten möchte er wohl annehmen; aber ein Examen abzulegen, das macht macht selten Freude. Damals wie heute. In banger Erwartung der drohenden Prüfung macht er sich in seinem schwarzen Abendmahlsrock auf den Weg. Es entspinnt sich darauf in Lanzig folgende Unterhaltung:
Superintendent: Euer Schulze sagt, dass ihr Lust habt, in Görshagen Schulmeister zu werden. Glaubt ihr, dass ihr das fertig bringt?
Schneider: O ja, Herr Superdint ! Ick löw,dat ward gohe.
Superintendent: Könnt ihr lesen und schreiben?
Schneider: Dat schull woll wese.
Die Prüfung ergibt, daß der Schneider im Besitze dieser geforderten Fähigkeiten ist, auch etwas rechnen kann.
Superintendent: Nun kommt die Hauptsache, die Religion. Wie steht's mit der Bibel? Wißt ihr darin Bescheid?
Schneider: Dat schull woll wese.
Der Schneider ist fest im Katechismus, auch in den gebräuchlichen Kirchenliedern. Dann sagt der Herr Superintendent so nebenhin: "Abraham hatte einen Sohn, der hieß Isaak. Isaaks Sohn hieß Jakob. Wie mag nun wohl Jacobs Großvater geheißen haben?"
Der Schneider sinnt und sinnt. Kratzt sich abwechselnd bald am linken, bald am rechten Ohr; aber die Erleuchtung kommt ihm nicht.
Schließlich meint er: Herr Superdint, ick weit in der Bibel hellschen Bescheid; abersten dat krieg ick nich rut.
Darauf der Superintendent: Ich habe da einen schönen Garten. Geht einmal hinein! Vielleicht findet Ihr es da.
Mein Schneider geht in den Garten, geht die Steige auf und nieder, steht bald
vor einem Apfel-, bald vor einem Birnenbaum, kaut an den Nägeln und setzt sich
schließlich verzweifelt in eine Laube; aber die Erleuchtung will immer noch
nicht kommen. Nirgend steht geschrieben, wie der verflixte Großvater hieß. "Den
Düwl ok! Wat bruken de Belg tau weiten, wie Jacoben sien Grotvader heit, wenn
dei Schaulmester dat sülwsten nich wett."
Nach einer Weile sucht der gestrenge Herr Examinator seinen in Ängsten
schwebenden Schulamtkandiaten auf.
Superintendent: Nun. mein Lieber, habt Ihr's gefunden?
Schneider: Ne, Herr Superdent! Ick weit von Moses un de Prophete, weit ok von Abrahame, Isaak und Jakob, ower dit is noch schlimmer as dei grot Woterfrag.
Superintendent: Das soll mir leid tun. Ihr habt die Prüfung sonst bestanden. Nehmt die Frage mit nach Hause. Drei Tage laß ich Euch Bedenkzeit.
Unser Schneider tritt in tiefen Gedanken den Heimweg an. So schwer ist ihm noch kein Gang geworden. Auf keinen Begegnenden achtet er, und ohne Gruß will er auch an seinem Freunde, dem Müller Notzke in Krolow, vorüber, der in seiner Haustür steht. Der Müller denkt, den muß Großes bewegen und fragt: "Wat hest up'm Harte dat mi nich mol Gaude Dag beitst?"
Der Schneider erzählt seine Verlegenheit, und der Müller bricht lachend los: "Dau Narr, herr ick ball seggt. Süh: ick heww eine Söhn, un dei hett wedder eine Söhn. Denn bin ick doch dem klenne Söhn sin Grotvader."
Schneider: Wahrhaftigen Gott! Dat ick dat nich bedacht heww. Hest Recht! Schön Dank ok, Möller!
Ohne sich weiter zu besinnen und umzusehen, eilt er spornstreichs nach Lanzig zurück. Na, der Superintendent soll Augen machen, wie schnell er's gefunden. Der machte freilich Augen, als der Schneider, wie aus der Pistole geschossen, vor ihm stand.
Schneider: Je,nun heww ick't. Dat is doch narrschen, dat ick dat nich glick funn!
Superintendent: Nun, wie hieß Jacobs Großvater.
Schneider: Dat was uf' Möller Notzk!
Superintendent: Hm, hm! Das ist wirklich eine merkwürdige Entdeckung. Müller Notzke unter den Patriarchen! Hm, hm! Er kann ja noch das Alter erreichen. Na, Ihr werdet weiter hören!
Weil sich weiter keiner fand, der auf die Stelle reflektierte, wurde der Schneider doch zum Winter Schulmeister in Görshagen. -
Na, ein zweites Stück aus dem Schulleben der guten alten Zeit ist ebenso schön. Es ist nicht in Lanzig passiert, aber nicht weit davon. Aus wohlbedachten Gründen verrate ich den Ort nicht. Darüber mögen sich die Gelehrten nach meinem Tode streiten.