Starker Toback oder "Dor rük dran".

Der Herrn Schulrat R. Aus Köslin revidiert in dem Dorf die Schule. Es war Anno 1866, als den Lehrern nicht nur erlaubt sondern auch nahe gelegt wurde, zog Schutz gegen an Streckungsgefahr bei der auch hier herrschende Cholera während des Unterrichts zu rauchen. Mein Lehrer hatte auch sonst schon immer die Pfeife hinter dem Ofen zu stehen; aber nur um rauchte er auch mit obrigkeitlicher Erlaubnis auf dem Katheder und hüllte sich in Tabakswolken, aus denen sein Gesicht hervorleuchtete, wie weiland das des Moses auf dem Berge Sinai. Nach, diese Art des Unterrichts gefielen sowohl dem Lehrer als auch den Schülern; denn es war immer eine etwas umständliche Geschichte, wenn der strenge Herrn Lehrer die Pfeiffer ausklopfte, sie reinigte und dann neu stopfte. Dazu brauchte er nach väterlicher Weise seien Stahl und Feuerstein; denn die neumodischen Streichhölzer aus Zarnow schätzte er als Verschwendung. Das war also allemal für beide Teile, Lehrer und Schüler, ein ebenso unterhaltende wie nützliche Beschäftigung; denn darüber, dass dies etwa in den Pausen zu geschehen hätte, waren keine bis in die kleinste Einzelheit gehende Vorschriften erlassen worden.

In diese ländliche Schulidylle platzte eines Tages urplötzlich wie eine Fliegerbombe heutigen Tages der Herr Schulrat und brachte sich gleich den Schul- und Gemeindevorsteher in einer Person mit. Mein Schulrat musste natürlich mit zeitgemäßen guten Beispiel vorangehen und rauchte teure Zigarren, die er vielleicht in Rügenwalde und bei Krosske oder im Hotel erstanden hatte. Der Schulvorstand wollte sich nicht dem Vorwurfe aussetzen, allein der unpatriotische zu sein, und zog gleichfalls seine Pfeife hervor, die er mit eingebautem "Kanaster Wohlgemut" stopfte, umständlich und fest, wie das sich so für einen Amtsbauern rechter Art passte. So dampften denn die drei Gewaltigen, und der Raum war denn auch bald in Rauchwolken gehüllt wie einst jener berühmte Berg. Aber der Schulzetoback war doch Meister; jedes mal musste der Herr husten, wenn er in seinem Bereich kam.

Na, bei der Revision ging es denn auch ziemlich gemütlich zu; denn Bismarck, auch im Rauchen eine Autorität bot bekanntlich als großer Diplomat ihn kritische Momenten dem Gegner auch eine Besänftigungszigarre an. Der Herr Rat ergriff zum Schlusse selber das Steuer der Belehrung und fragte, fragte eben, wie nun so ein Schulrat fragen kann. So verfiel er denn auch bei einem hoffnungsvollen Sprössling, der unter der nachbarlichen Einwirkung des starken Gemeindeoberhaupttabak schon öfter hatte Husten müssen, auf den zweiten Artikel. Mein Junge Beginn: "Ich glaube an Jesum Christum -", kommt ein Ende weiter, bis ihn eine dicke Wolke um vom Schulvorstand her zum Husten bringt, fängt wieder vorne an und gerät bei Pontius Pilatus wieder in die Brüche, weil er wieder Husten muss und will wieder von vorne anfangen. Allein der Herr Rat ist ungeduldig geworden und will neugierig, wie leider nun einmal solch einen Rat ist, gleicht das folgende hören, drängt also den Jungen und setzt ihn mit Fragen zu: "Wie geht es denn da weiter, wo du stecken bliebst?" Mein Junge ist aber starrköpfig, wie leider nur manchmal solch ein Amtsbauernjunge das von seinem Vater hat. Der schweigt also. Der Rat will weiterhelfen: "Ist Christus denn immer am Kreuze geblieben? Was muss mit allen Menschen am Ende ihres Lebens geschehen?" Aber mein Junge denkt in seinem dicken Schädel: Gänsefüße fragt du man immerzu, wenn du schon neugierig bist! "Frag du man immerzu, wenn du so neugierig bist!" Da reist dem Examinator denn doch endlich der Faden der Geduld, und er fragt den Nächsten, der dann ruhig und richtig fortfährt: "Gestorben und begraben -."

Aber leider hatte der Herr Schulrat nur unwissentlich den Herrn Schulvorstand beleidigt; denn unter hustende Dickkopf war eben niemand anders als "Schultzens Willem" und das würdige Dorfoberhaupt beschloss, entschieden dagegen Verwahrung einzulegen, dass Willems Schädel weniger behältlich sein sollte als der seiner Kameraden. Als der Herr Rat daher zum Schlusse im Allgemeinen seine Zufriedenheit mit den Leitungen ausgesprochen hatte, die Kinder zu weiterem Fleiße ermahnt und entlassen waren, da holte der Dorfhäuptling tief Atem und begann nun auch seinerseits eine wohldurchdachte Rede also:

"Erlauben Sie mal, Herrn Schulrat! Ich lese drei Zeitungen: den "Rügenwalder Wächtern am Ostseestrande" für mich allein. Der kommt bloß zweimal in der Woche und steht nicht viel drin. Dann aber von Amtswegen das Schlawer Kreisblatt. Das ist schon was anderes wegen derer Verfügungen, die immer darin stehen. Und dann noch den Kösliner Regierungsanzeiger, wo immer alles voll ist von Steckbriefen, Mord und Totschlag. Aber das, was sie meinem Willem abfragten von Paulus und Pilatus, das hat noch nirgends drin gestanden."

Sprach's, stieß noch eine mächtige Tabakwolke dem Rat ins Gesicht, dass der schleunigst retierte, und stritt dann stolz wie ein Spanier mit scharfer Wendung von dannen, die Brust geschwellt von berechtigtem Stolze: "Na, dem ich's aber gegeben! Dor rük dran!"