Feldgrau daheim oder die Biertischstrategen.

Irgendwo in unserem Pommerlande, wo man von weißen Möwen auf der blauen See singt, liegt ein Landstrich, der durch seinen schweren Boden und die Erzeugnisse seiner Landwirtschaft sich seit altersher eines guten Rufes erfreut. Seine Gänse, das kann man Gott sei Dank durch manche Urkunde nachweisen, zierten oft die pommersche Herzogstafel, und auch die preußischen Könige gaben ihnen vor allen anderen den Vorzug. Auch die Gewässer dieses gesegneten Landstriches haben es verbrieft und versiegelt, dass sie ihr Möglichstes in Lachsen und Krebsen geleistet haben. Aber nicht nur urkundliche Beweise einer glorreichen Vergangenheit hat man , oh nein, sie sind weit handgreiflicher. Ein Dorf ist in dieser gesegneten Gegend seit alter Zeit ganz besonders angesehen, gewissermaßen ein Brennpunkt historischer Erinnerungen geworden; denn es bewahrt als teuerstes Kleinod, als höchste Reliquie den herzoglichen Balken auf. Soll da vor vielen, vielen Jahren ein getreuer Amtsbauer einmal seinen jugendlichen Herzog recht tatkräftig unterstützt haben. Die Erinnerung daran ist nicht nur in Erz in einer Tafel, sondern in einem recht ansehnlichen Balken eingegraben worden.

In diesem Balken, da verkörpert sich für das Dorf und die ganze Umgegend auf Meilen in der Runde die glorreiche Vergangenheit. Was wäre Lanzig ohne seinen Balken? Ein Dorf, wie es andere eben auch sind, in denen jeder Einwohner nur seinen eigenen Balken im Auge hat. Aber ´"unser Balken", gegen den kommt eben nichts. War da einst als Sommergast so ein Professor oder sonst etwas, sah den Balken und bot mehrere hundert Mark bar. Ausgelacht hat ihn der glückliche Balkenbesitzer. So ein paar Lappen, die hätten wir zu Not auch noch; aber so einen Balken, den gibt es auf der ganzen Erde nur einmal. Der Weltkrieg hatte beinahe schon ein Jahr gedauert, und das Ende war noch nicht abzusehen. Aber der Kaiser und Hindenburg hatten ein Einsehen gehabt und manchen Feldgrauen beurlaubt, um einmal zu Hause nach dem Rechten zu sehen, und in unser Dorf waren auch ein paar Urlauber gekommen, um sich von den Strapazen einmal ein bisschen zu erholen. Auf den einen hatten sich alle ganz besonders gefreut; er hatte es dem Russenpack am besten gezeigt, was pommersche Fäuste können und auch das E.K. bekommen. Den Tapferkeit, sagt Hindenburg, muss belohnt werden. Und heute Abend wollten ihn seine Freunde ganz besonders feiern; denn morgen musste er schon wieder fort gegen die Moskowiter.

Es war im Mai 1915, und die Luft wehte recht frisch von der See her. Eben zeigte die Uhr die siebte Stunde nach alter Zeit an. Der Wirt stand in der Tür und schaute nach den Gästen aus. Sein Gasthof war seit alter Zeit ganz besonders berühmt; aber er ließ es sich auch etwas Kosten, um in seiner Spezialität von keinem anderen übertroffen zu werden. Wer bei ihm noch nicht Aal gegessen, der hatte überhaupt noch nichts Gutes gegessen. Was waren gegen seinen Aal die blödsinnigen ausländischen Delikatessen! So einen Aal gab's nur einmal in der Welt, und das war natürlich bei ihm. Voller Mitleid sah er auf die Badegäste herab, die sich in völliger Unkenntnis etwa einen Beamtenlachs in saurer Verfassung forderten. Die armen Leute waren nur zu bedauern, die den schönsten Leckerbissen der Welt haben konnten und ihn nicht forderten.

Endlich fanden sich alle ein: Der Lehrer, ein paar Bauern, ein benachbarter Grünling und ein paar feldgraue freunde unseres Eisernen Ritters, der als letzter eintraf, weil er noch erst einen gar herzbeweglichen Abschied von der Annemarie hatte durchmachen müssen. Auf dem Tische prangte ihm zu Ehren ein Blumenstrauß, die ihm just die Jahreszeit bot. Die Stube war behaglich durchgewärmt, denn trotz der kalendermäßigen Wonnezeit wehte es empfindlich kalt. Vor dem Fenster in einem Glase saß der Laubfrosch auf seiner Leiter und blinzelte schläfrig nach einer Fliege, die sich nichts ahnend gerade ihre Flügel putzte.

"Sitzt der Laubfrosch auf der Leiter,
Bleibt das Wetter klar und heiter"

rezitiert der Lehrer die alte Wetterregel.

"Na, ja", meinte Seepagel, "so ein Tier hat auch einen besseren Wetterverstand als ein Mensch."

(Um die im jeden Dorf vorkommenden Pagels, Bewersdorf, Piepers usw. unterscheiden zu können, wird ihrem Namen häufig ein bezeichnendes Beiwort vorgesetzt. So gab es einmal vor etwa 30 Jahren in einem Amtsdorf 18 Familien Bewersdorf und dementsprechend einen "Langen-, Krummen-, Lahmen-, Husaren- und Garde-Bewersdorf.)

"Besonders, wenn es der Seepagel ist", lachte der Grünling, der keine Gelegenheit vorübergehen lassen konnte ohne die Bauern zu hänseln. Wilddiebe gab es ja in seinem Revier nicht; aber er hatte auf manchen seinen "besonderen Kiek".

Der Wirt brachte die schäumenden Gläser, und: "Prost Ernst!" klang es von allen Seiten. Jeder wollte zuerst mit dem allbeliebten Freunde anstoßen. Doch der saß heute so versonnen und schweigsam da, wie es sonst seine Art nicht war. "Das kommt von der Annemarie", meinte einer, indem er die andern blinzelend ansah.

"Ach red doch nicht!", lachte "Moorheim". "Dem steckt der Hindenburg in den Knochen".

Der Hein am Moor oder Moorhein genannt war ein ganz besonderer Verehrer Hindenburgs und hielt sich selber für das größte strategische Genie. Nebst dem Feldmarschall, aber natürlich nur im Geheimen. "Der Hindenburg ist nun eben der Hindenburg und nicht zu übertreffen und ich bin nun mal der Moorhein", meinte er mit philosophischer Gleichmut. Wenn er auf seiner großen Landkarte, die er sich angeschafft und an die Wand genagelt hatte, die Züge Hindenburgs verfolgte, dann stimmten sie immer ganz merkwürdig mit seinem eigenen strategischen Ideen überein. Schade nur, dass seine Knochen schon zu alt waren, um mit ins Feld zu ziehen; er hätte sicherlich dem Feldmarschall nur wenig nachgeben. Und wenn es einmal sehr schlimm kommen sollte und Hindenburg gar wie weiland  "Der olle Blücher" von Reismichtüchtig in den russischen Sümpfen zu leiden hätte, was bei seinem Alter gerade kein Wunder wäre, dann wäre er schließlich auch noch da, und an Sumpf und Moor und Nebel war er ja als Moorbauer von Kind auf gewöhnt. Und wasserdichte Stiefel hatte er, wie es nicht zum zweiten Male solche gab, und dazu kochte seine Alte einen Hustentee, der noch gegen ganz andere Gebrechen half, und sein Kuhhirt hatte eine Salbe gegen den Reismich erfunden, die roch so, das selbst der Schlawer Viehdoktor davon Reißaus nahm. Überhaupt wenn Hindenburg nur wollte, dann konnte er alles von ihm bekommen und die besten strategischen Pläne noch obendrein. Und der Moorheim würde es sich zur besonderen Ehre schätzen, wenn nach dem Kriege der Feldmarschall vielleicht auch einmal in sein Dorf kommen sollte. "Warum sollte das nicht möglich sein?", meinte er, und streckte seine Hakennase so recht herausfordernd wie das Bugspriet einer schnell segelnden Brigg hervor. "Bis Kolberg ist er doch kurz vor dem Kriege gewesen und von da bis hier ist es doch nur ein Katzensprung, wenn er noch dazu den "Exzellenz Baensch" benutzen will oder gar in seinem Zeppelin kommt, wie wir jetzt oft genug einen zu sehen bekommen".

"Zum Donnerwetter", fuhr der alte Graukopf von Förster auf, "das geht denn doch über Kraut und Rotstein, das geht noch über den herzoglichen Balken."

"Na, wille ais topstöte (anstoßen) ob Hindenburg", rief Moorheim.

"Un op Zeppeline ok!", kam es aus dem Gehege der Zähne von Seepagel.

"Auf alles, was draußen ist und den Moskowitern, den Franzosen und den verdammten Engländern ein auswischen", schallte es von allen Seiten.

"Ja", meinte der Seebauer bedächtig, "das mit dem Zeppelin, ist doch so ein eigene Sache. Ich hab das bisher immer bloß für eine Uhlenspeigeli gehalten, wenn mir einer so war erzählte. Aber nu ich das Ding so nahebei gesehen, das ist mir doch ein Licht aufgegangen."

"Na ja, das muss schon ein recht anständiges gewesen sein, so ein Scheinwerfer, der kommt noch über unsern Leuchtturm", spitzte der Grünrock wieder. "So ein gewöhnliches von "Last", das hätte doch bei unserm Seebauern nicht gewirkt."

"Na, sie Allesbesserwisser, dann werden sie doch ein Hindenburg oder Zeppelin oder sonst was, vor dem man den Hut abnimmt."

"Sehr gern, wenn's ginge; aber dann müsste der Moorhein mein Oberstratege, so ein Ludendorf Nummer zwei werden, und da bin ich doch sehr im Zweifel, ob es trotz der Wünschelrute bei ihm soweit reichen würde."

Der Moorbauer bekam bei dem Worte "Wünschelrute" auf einmal einen ganz roten Kopf.

Der Grünrock fuhr behaglich fort: "Ihr wisst, dass unser Ober-, Moor- und Sumpfnachbar immer gern in alten Scharteken nachliest. Da hat er herausbekommen, dass im alten Herzogschlosse zu Rügenwalde einmal mächtig viel Schätze gewesen sind. So ein alter Seeräuberkönig soll die da seiner Zeit zusammengehamstert haben. Wo sie geblieben sind, das weiß kein Mensch, auch der nicht, der da schon öfter drüber geschrieben hat. Nun soll aber ein pommerscher Herzog hier auf dem Flach ein Haus extra zum Fischen sich gebaut haben, und unser Sumpffreund bildet sich partuh ein, das müsste auf seinem Plan an seinem Moor gestanden haben. Auch ein Kloster soll nicht weit davon gelegen haben. Komm ich da neulich in aller Herrgottsfrühe auf Anstand und sehe ihn da mit so einem blanken Ding in der Hand immer kreuz und quer laufen. Ich halte das erst für seinen neuesten Feldherrnzirkel und denke, er will den Plan zu einer neuen Offensive entwerfen. Da kommt er ran, und ich sehe, dass es eine Wünschelrute ist."

Alles lachte und schrie vor Vergnügen. "Wenn er König Erichs Schätze findet, dann kann er Bankier werden. Dann muss er Bankier von Zaren Nikolaus werden, der kann gerade einen tüchtigen gebrauchen. Ne, dem Peter von Serbien seiner. Der macht ihn gleich zum Feldmarschall. Prost der Wünschelrutenstratege!"

Der Moorhein wurde wild. "Na", schrie er, "wenn ich Hindenburg wäre -"

"Dann brauchst du keine Wünschelrute. Dann machst es wie der olle Blücher und nimmst einen Bohnenschacht. Ne, wie Schwerin mit der Reitpeitsche."

Erst nachdem er eine neue Lage bestellt, gelang es dem Moorbauern, wieder zu Worte zu kommen.

"Ich bleibe dabei. Der alte Fritz und der olle Blücher und dann unser Hindenburg, die sind mir doch die liebsten."

"Die kommen gleich hinter Dir und dem herzoglichen Balken", stichelte der Förster wieder.

Doch stand der Moorbaue mit einem Male kerzengerade trotz deiner Gichtknochen, wie er es auch in der allerschönsten Zeit als des Kaisers strammster Garde-Kürasier nicht besser fertig gebracht hätte. Seine Augen blitzten so scharf, und seine Stimme klang so schneidig, als er rief: "Die kommen allemal vor mir" Und wer jetzt noch ein Wort davon sagt, der ist ein Hundsfott." Da war es still.

Ja, der Hindenburg hat sich in aller Welt Respekt verschafft; aber der Moorbauer konnte es auch, wenn es auch nur auf seinem Dorfe war und er nicht der Hindenburg. Und mit des dröhnenden Basses Grundgewalt klang jetzt das Hindenburglied durch den Raum, dass die Fenster klirrten und der Laubfrosch mit kühnem Satze ins Wasser sprang.

"Bei .... überm Stammtisch
Hängt Hindenburg im Bild.
Es blickt der Russenschrecker
So freundlich und so mild.
Worüber mag sich freuen
Grad hier der beste Mann?
Weil er von diesem Stammtisch
Noch recht viel lernen kann!"