16. Das gestörte Kartenspiel im Marienturme.

Früher war der Marienturm weit höher als heute. Über den Glocken war eine Stube für den Turmwächter eingerichtet. Er litt abends oft an Langeweile. Da hatte er dann mit einem Schuster und einem Schneider verabredet, dass sie ihn da oben besuchen sollten, und sich mit Kartenspiel die Zeit zu vertreiben. Jedes Mal, wenn der Wächter Lust hatten zu karten, hängte er eine rote Laterne aus einer Luke am Turme heraus. Das war das verabredete Zeichen.

Eines Abends heulte der Sturm wieder mächtig um den alten Turm. Der Wächter gab das verabredete Zeichen, und bald saßen die drei Gesellen um den Tisch herum und karteten nach Herzenslust. Jedes Mal wenn die Uhr eine vollen Stunde anschlug, machte der Wächter einen Rundgang und sah durch die vier Luken, ob sich auch Feuerstein zeigte. Allein, alles war schwarze, dunkle Nacht. Soeben hatte es Zwölfe geschlagen. Der Rundgang war vollendet, und der Wächter setzte sich wieder an den Tisch, um das Spiel fortzusetzen. Da rumorte es unten im Turme. Langsam stieg einer, der mit dem einen Fuße immer anstieß, die Treppe in die Höhe.

"Na, wer kommt denn da noch so spät?" fragte mürrisch der Wächter, als sich die Tür öffnete und ein unbekannter Gast in kaffeebraunem Rock erschien. "Da bin ich, ihr habt mich gerufen." - Daran konnte sich nun freilich keiner von den dreien erinnern. Nur der Schneider hatte vorhin ausgerufen: "Wenn ich diese Karte nicht gewinnen, dann soll mich der Teufel holen!" und das Spiel hatte er verloren. Daran dachte aber keiner.

"Wenn Du nun schon doch einmal den Turm herauf geklettert bist, dann mache es hier bequem, setzt dich hin und halt mit!" meinte der Wächter. Das ließ sich der Kaffeebraune nicht zweimal sagen. Wunderbar! Er gewann immer, mochte er auch die schlechtesten Karten haben. Da fiel dem Schuster eine Karte zu Erde. Er bückte sich danach und sah bei dieser Gelegenheit, dass der neue Nachbar einen Pferdefuß hatten. Nun wusste er, wer der unheimliche Spieler war. Voller Schreck ließ er auch die anderen Karten fallen und fing an, dem alten Bannspruch zu beten.

"Ihr Höllengeister packet euch,
hier habt ihr nichts zu schaffen!"

Da gab es einen lauten Knall. Rauch stieg auf, und der ungebetenen Gast verschwand, einen Höllengestank hinterlassend. Der Turmwächter aber musste fortan seine Abende einsam zubringen; seine beiden Gesellen, besonders der Schneider, fürchteten sich zu sehr.