17. Die Sage von der Gertrudkirche .
Die Herzogin verlebte ihre Jugend und zu Cammin und kam als erwachsene Jungfrau auf das Schloss Rügenwalde zu dem Herzog Bogislaw, einem Verwandten von mütterlicher Seite. Um diese Zeit fanden sich auch zwei Prinzen namens Richard und Wilhelm, weitläufige Verwandte der Herzogin Gertrud, dort ein und bewarben sich um ihre Gunst. Besonders der Ältere, namens Wilhelm, ein rascher, leidenschaftlicher Charakter, schien mit großer Bestimmtheit auf die Erfüllung seines Wunsches zu dringen, und da Gertrud den sanfteren Richard den Vorzug zu geben schien, war der ältere Bruder seit einiger Zeit finster und in sich gekehrt. Zwar schwebte er bis jetzt noch immer in Ungewissheit, welche von beiden Gertrud so recht von Herzen zugetan waren, doch sollte sich dieses bald durch eine geringfügige Kleinigkeit entscheiden.
An einem schönen, sonnenhellen Morgen stand Gertrud auf einem Balkon des Schlosses und ergötzte sich an der im Morgentau liegenden Landschaft und hörte das Jubeln der Lerche mit frohem Herzen. Auch die beiden Brüder waren in den Schlossgarten gegangen, um den schönen Morgen zu genießen; jedoch nicht in brüderlicher Eintracht beisammen, sondern es ging ein jeder seinen eigenen Weg; denn schon jetzt betrachtete Wilhelm den jüngere Bruder mit misstrauischen Blicken. Von ungefähr schlug Richard den Weg, der zum Balkon führte, auf den Gertrud stand, ein und da er sie sah, bot er ihr einen freundlicheren "Guten Morgen!" Gertrud, die weich und froh gestimmt war durch den schönen Morgen, warf Richard mit frohem Lächeln zum Dank eine Rose, die sie an der Brust getragen hatte, hinab, und er verbarg dieselbe schnell aufnehmend an seinem Herzen. Dies alles aber war von Wilhelm aus einer Seitenallee mit neidisch Blicken beobachtet worden, und war er bis dahin misstrauisch und verschlossen gegen seinen Bruder gewesen, so loderten jetzt Haß und Zorn in hellen Flammen auf und machten ihn zu jedem richtigen Urteil unfähig.
Am Ausgang der Allee stieß er auf Richard: seinen Haß freien Lauf lassend, ließ er ihn mit harten, zornigen Worten an und forderte endlich blutige Genugtuung von ihm. Dem sanften Richard gelang es trotz aller Mühe nicht, den zornigen von seinem Entschluss abzubringen und so eine blutige Tat zu verhindern; er musste sich vielmehr in das unvermeidliche fügen und den Zweikampf mit dem Schwerte aufnehmen, nur vermochte er seinen Bruder durch Bitten und Vorstellungen dahin zu bringen, dass der Kampf nicht die wie Wilhelm es beschlossen, im Schlossgarten unter dem Balkon, von wo Gertrud die Rose hinab geworfen hatte, sondern vor dem Tore der Stadt Stargard stattfinden sollte.
Mit Angst und Bange sahen sowohl Gertrud wie Richard dem Tage des Zweikampfes entgegen. Die beiden Brüder ritten auf verschiedenen Wegen am Tag zuvor nach Stargard. In früher Morgenstunde trafen sie sich vor den Stadttoren. Die nochmals versuchte Versöhnung Richards war erfolglos und machte Wilhelm nur noch wütender. Rasend hieb er auf Richard, der sein Leben so gut er konnte verteidigten, ein und ruhte nicht eher, bis sich sein Schwert im Bruderblute gefärbt hatte. Als aber das warme Leben von Richard gewichen und die kalte starren Leiche vor Wilhelm lag, da war auch sein Zorn verraucht und bittere Reue erfasste ihn. Laute Selbstanklage richtete er gegen sich, die er damit endete, dass er sich selbst in sein Schwert stürzte und so seinem Leben ein Ende machte.
Die Brüder wurden mit ihren Schwertern an Ort und Stelle vor den Toren der Stadt Stargard begraben, und noch heute steht ein steinernes Kreuz als Gedenkstein Tat daselbst. Gertrud war untröstlich über diese blutige Tat und wies lange Zeit alle Bewerber um ihre Hand ab. Doch endlich ließ sie sich bewegen und vermählte sich, lebte jedoch ein freudloses Leben; denn die blutigen Gestalten erschienen ihr allnächtlich im Traum und forderten sie auf, eine weite beschwerliche Reise zu machen und durch diese Tat ihren Seelen Ruhe zu geben.
Nachdem Sie Rücksprache mit ihrem Gemahl und dem Kastellan des Schlosses genommen hatte, wurde ein Schiff ausgerüstet, mit dem Gertrud und zwei Kammerfrauen nebst dem Kastellan und einige Dienern die Reise machten. Die mühselige Fahrt gab ihr und den Brüdern Ruhe und Frieden, so das Gertrud getröstet heimkehren konnte.
Auf der Rückfahrt gelangte das Schiff auch glücklich bis unweit von Rügenwalde. Angesichts der Stadt aber trat ein heftiger Sturm auf, so dass das Schiff in große Gefahr geriet, zu Grunde zu gehen. Da fielen Gertrud mit ihrer Umgebung auf die Knie und bat Gottd um ihre Errettung und gelobte, an der Stelle, wo sie den Fuß auf trockenes Land setzen würde, eine Kapelle bauen zu lassen zu Ehre Gottes und zum Dank für glückliche Rettung. Endlich, nach einem harten Kampf mit Wind und Wogen, gelang es ihnen, am Kopfberg das Land zu gewinnen. Hier ließ Gertrud, ihrem Gelöbnis treu, im Jahre 1472 die Kirche bauen und und nach ihren Namen Gertrudkirchenennen. Dann schickten sie nach Stargard und ließ die Schwerter der beiden Prinzen ausgraben und hierher in die Kirche bringen. Die Seelen der Brüder aber fanden Ruhe, und die beängstigen Träume waren auf immer von der Herzogin gewichen.
Anmerkung: Das hier erwähnte Mordkreuz befindet sich an deren linken Seite der Chaussee von Stargard nach Massow. Auf seiner westlichen Seite steht: "Dem Gott genade Hans Billecke Anno 1542", auf der westlichen: "Im Jahre 1542. Erschlagen Hans Billecke von Lorenz Mader mit einem Eisen, seiner Mutter Schwestersohn.
