18. Der Freischütz im Stadtwald.

Der Rügenwalder Stadtwald war früher viel größer als heute, er umfasste gegen 6000 Morgen und ging bis nahe an Grupenhagen und Sellen heran. Viele alte Flurnamen, die Silber- und Zastrower-Heide, Hundeposten, Kupfermühlenbach, Moorhorst, Stemnitzer Brink sind heute in Vergessenheit geraten. Die im Rügenwalder trieben ihre Schweine zu Mast in seinen Eichen- und Buchenbestände. Über den Wald war ein Unterförster gesetzt, dem zwei Holzwärter beigegeben waren.

In seinen Brüchen hausten viele Wölfe. Das hielt die Umwohner aber nicht vom Holzdiebstahl und von der Wilddieberei ab; denn die Aufsicht wurde sehr lässig gehandhabt und die Aufseher steckten häufig mit den Frevlern unter einer Decke. Noch heute erzählen alten Leute, dass man früher für einen Liter Branntwein sich so viel Holz konnte als man wollte. Galt es aber eine große Sachen, zum Beispiel billiges Bauholz zu bekommen, dann taten sich mehrere zusammen und hielten die Beamten beim Kartenspiel und Umtrunk fest, bis andere das Fällen und Abfahren der auserwählten Stämme heimlich besorgt hatte. Die Erträge waren dementsprechend gering. Ganze 725 Taler brachte der Wald im ersten Jahre nach der Separation. Durch diese erhielten die Dörfer auf die Jagdgerechtigkeit auf dem abgetretenen Boden. Die Jagd war so heruntergekommen, dass z. B. der Grupenhäger Pächter alljährlich als Pacht nur ein paar Dutzend Spatzenköpfe abzuliefern hatte. Die Sperlinge wurden damals als schädliche Vögel eifrig verfolgt.

Einem Stadtförster soll es aber nach dem 7-jährigen Krieg doch gelungen sein, während seiner Amtszeit Holzdiebstahl und Jagdfrevel auszurotten. Mit abergläubischer Scheu betrachtete ihn das Volk. Er war durch sein ungewöhnliches Jagdglück berühmt und stand in dem Ruf ein Freischütz zu sein. Diese Fähigkeit sollte er dadurch erlangt haben, dass er am Karfreitage zum Abendmahl gegangen war, das Brot des Abendmahls aber im Munde behalten, im Walde dann an einen Baum genagelt und danach geschossen hatte. Dadurch war er in den Besitz eines Zauberbuches gekommen. Wenn er darin las, dann stand das ganzen Wild im Stadtwald unter einem Bann. Es musste sich dem Forsthaus so weit nähern, dass er von seinem Fenster aus der Hirsche, Rehe, Wildschweinen, kurz alles, was er haben wollte, schießen konnten. Das Buch hielt er unter strengem Verschluss.

Einmal war er nach der Stadt gefahren und hatte das Buch in der Eile doch liegen lassen. Zu Hause war nur den jungen Jagdgehilfen geblieben. Er fand das Buch, und weil ihn die langweilen plagte, fing er an, darin zu lesen. Da wurde es draußen lebendig und immer lebendiger um das Forsthaus. Alles mögliche Getier fand sich ohne Scheu ein, dass immer näher und näher rückte, schließlich durch das Fenster sah und in das Haus hinein wollte. Den Burschen ergriff eine ungeheure Angst, als er vom Buche aufsah und den Fenstern Hirsche, Rehe, Füchse, Kopf an Kopf gedrängt, erblickte.

Plötzlich stand der Förster, ohne dass sich die Türen geöffnet hatte, vor ihm, riß ihm das Buch aus der Hand und begann laut rückwärts zu lesen. Da verzog sich das Wild ebenso, wie es gekommen war. Den Jägerburschen verbot der Förster aber bei Todesstrafe, noch einmal das Buch in die Hand zu nehmen. Man sagte von diesem Freischütz auch, er brauche nur zu sagen, was er haben wolle, dann im Schornstein in die Höhe zu schießen und an einen bestimmten Platz im Walde zu gehen, um das verlangte Wild dann dort zu finden.