Zum Geleit!

Schon einmal haben diese Sagen und Erzählungen vor Jahren ihrem Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Das alte Sagenbuch ist vergriffen, der erste Teil erscheint etwas verändert aufs neue, andere Teile sollen folgen.

Bewusst ist auch die Mundart aufgenommen worden. Die Schreibweise folgt den 1935 von der Reichschrifttumskammer gegebenen Regeln. Einige geringe Abweichungen davon sind durch die Sprache selbst bedingt, um letzte Feinheiten andeuten zu können.

Die kleine Sammlung ist eine Gabe für alle, die den Stimmen der Heimat lauschen wollen. Den Freunden und Forschern unserer engeren Heimat kann sie an die Aufgabe erinnern, das immer wieder neu erstehende Sag- und Erzählgut als einen Schatz anzusehen, der noch zu heben ist. Auch der Erzähler selbst wird vielleicht Freude daran haben, das zu lesen, was ihm vertraut ist.

Zu danken ist besonders dem unermüdlichen Heimatforscher und Sammler Herrn Konrektor i. R. Karl Rosenow, den freiwilligen Helfern aus der Arbeitsgemeinschaft, insbesondere Herrn W. Eggert, Sackshöhe und auch dem Verlag, der mit der Herausgabe eine alte Überlieferung heimatlicher Arbeit weiterführt.

Schlawe, Ostern 1937

W. Bewersdorff,
Leiter der Arbeitsgemeinschaft
für Heimat- und Volkskunde
NSLB. Kreisgruppe Schlawe

Das Rügenwalder Amt.

Als der Herrgott Wasser und Land voneinander geschieden hatte und nun sein Werk betrachtet, da fand er daß Hinterpommern doch gar zu stiefmütterlich bei der Verteilung weggekommen sei. Durch das ganze Land zog sich im Süden eine Reihe von Sandbergen hin, und im Norden an der Ostsee blitzten ihm auch überall die weißen Sanddünen entgegen. Da beschloss er, den Menschen, die hier wohnen würden, doch wenigstens zwei Proben von gutem Acker zu geben und warf eine Handvoll der besten Erde an das westliche Ende des Landrückens. Das wurde der Pyritzer Weizacker. Eine zweite Handvoll streute er an die weißen Dünenkämmen, und das wurde das Rügenwalder Amt.

Pyritzer Weizacker und Rügenwalder Amt! Welchem echten Pommern geht nicht das Herz auf, wenn er diese beiden Namen hört! Wer denkt nicht gleich beim letzen Name an Rügenwalder Gänsebrüste und Dauerwürste, die als Leckerbissen weit über die Grenzen der Provinz, ja des deutschen Reiches hinaus geschätzt werden, der Lachse und Grabowkrebse in alter Zeit gar nicht zu gedenken! In den schweren Jahren des Weltkrieges von 1914 bis 1918 und in der Zeit der Geldentwertung flossen aus dem Rügenwalder Amt gewaltige Mengen an Schlachtvieh und Brotkorn in die Großstädte und halfen dort die Not zu lindern.

Dabei ist das Amt nicht so besonders umfangreich. Es bildet den nördlichen Teil des Kreises Schlawe, der 1586 qkm mit etwa 80 000 Einwohnern umfasst. Die Grenzen des Amtes bilden im Westen der Gollen, im Norden die Ostsee, im Osten der Stolper Kreis. Im Süden folgt die Grenze ungefähr den Zuge der alten Landstraße, die von Köslin über Zanow und Schlawe nach Stolp führt.

Die Ausläufer des Pommerschen Landrückens reichen nicht in das Amt hinein. Daher ist es fast eben und fällt allmählich nach der Ostsee hin ab. Etwa 2 km vom Meere entfernt beginnt östlich des Wipper-Stromes mit den Zizower Höhen der so genannte Küstenrücken, der sich, unterbrochen von dem Rudental un der Scheddiner Pforte, bis in den Kreis Stolp hineinzieht. Zwischen Panknin und Nemitz erstrecken sich die Heidberge. Die mittlere Höhe des Amtes dürfte 20 Meter über dem Meeresspiegel betragen. Durchströmt wird der fruchtbare Landstrich im Süden von der Grabow, an deren Ufern sich ausgedehnte Wiesenflächen ausbreiten. In der Mitte fließt in einem engen Tale die Wipper dahin. An kleineren Wasserläufen, die beiden zufließen, ist kein Mangel.

Hinter der Dünenkette liegen drei sehr fischreiche Strandseen: der Buckower See als größter mit 18, der Vitter mit 8,5 und der Vietzker See mit 11,2 qkm. Diese Strandseen sind durchweg flach und reich an Bächen, die ihnen Wasser zuführen. Sie stehen mit der Ostsee in Verbindung, der Buckower See durch das Deep bei Damkerort, der Vitter See durch das gleichnamige Deep und der Vitzker See durch die Glawnitz. Bei Jershöft tritt der Küstenrücken unmittelbar an die See heran. Hier haben wir eine über 20 m hohe Steilküste.

Schon Johann Angelius von Werdenhagen rühmt 1631 die Fruchtbarkeit: "Man hält Rügenwalde, das an der Meeresküste liegt, wegen seiner günstigen Lage für die Hauptstadt jenes Teiles von Pommern, der gegen Vandalien liegt; jede Art von Handel mit Nahrungsmittel und Kleidung kann von hier aus betrieben werden. Es hat zwar Schlawe zur Nachbarstadt, übertrifft es aber an bequemer Lage bei weitem. Dieses Land ist auch reich bewässert, reich an Feldern, Wiesen und Wäldern, so daß es an Vieh, Fischen, notwendigem Getreide und ähnlichen Dingen bis zu einigen Meilen vor der Stadt, wo es nicht bergig ist, Überfluß hat". Und 1795 schrieb Wuttstrack: "Das Königliche Amt Rügenwalde ist nächst dem Amt Kolbatz das wichtigste in Pommern." Nach seiner Ausdehnung und Fruchtbarkeit war es ein fürstlicher Besitz.

Seinen Ursprung hat das Amt von dem Erbe der Swenzonen genommen, einem alten Dynastengeschlecht, dem einst die Länder Schlawe und Rügenwalde gehörten und das auch den pommerschen Greif als Wappen führte. Die Erbschaft traten die pommerschen Herzöge an. Infolge der Reformation wurden die Klöster Buckow und Marienkron aufgelöst und ihr Besitz dem Amte zugelegt. Daher spricht man heute noch von Amt und Abtei, z. B. die Dörfer Neuenhagen Amt und Neuenhagen Abtei. Die ursprünglichen Amtsdörfer liegen nördlich, die Abteidörfer südlich von der Wipper. Zur Zeit Friedrichs des Großen gab es 28 Amts- und 24 Abteidörfer. Dem Amte gehörten weiter an 14 "ritterfreie Vorwerke", die bis auf 3 (Drosedow, Palzwitz, Petershagen) nach den Befreiungskriegen aufgeteilt worden sind. Um 1648 zählten dazu noch 12 Mühlen, 7 Förstereien mit zusammen 36 000 Morgen Wald, die Fischereigerechtigkeit in der Wipper und Grabow, der Buckower und Vitter und ein Teil des Vietzker Sees, 3 kleinere Seen und viele Fischteiche.

Mittelpunkt des Amtes war von Anfang an die Immediatstadt Rügenwalde, die nicht der Amtsverwaltung im herzoglichen Schlosse unterstand. Eigentum der Stadt waren Rügenwaldermünde und die Dörfer Zizow, Grupenhagen, Sellen, Rußhagen und Suckow. 1753 entstand im Rügenwalder Stadtwalde das Kolonistendorf Schönigswalde.

Nicht leicht ist die Frage nach der Zugehörigkeit der Stadt Zanow zum Amte zu beantworten. Als Burgflecken 1335, als deutsche Stadt zuerst 1343 genannt, gehörte sie seit 1353 zum Bistum Kammin. Bei der pommerschen Landesteilung im Jahre 1372 zählen die Herzöge die Stadt unter ihren Besitzungen auf. Dann gilt sie wieder als Eigentum von Kammin, um 1400 der Vogtei Rügenwalde zugezählt zu werden. 1662 wird sie für ein Rügenwaldisches Amtsstädtlein erklärt und ihr Sitz und Stimme auf den Landtagen abgesprochen. Den Beamten zu Rügenwalde wird die Ausübung der peinlichen Gerichtsbarkeit in Zanow und die Einforderung der Steuern und Kontributionen zugesprochen. In der Folge aber Erstritt sie Unmittelbarkeit unter Vorbehalt der dem Amte sonst zustehenden althergebrachten Rechte. Eigentumsdörfer hatte Zanow nicht.

 

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